„Es beginnt mit einem Traum“

Eine Schule, die kurz vor dem Aus stand, gilt heute als Vorbild: In Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen hat Schulleiterin Nicola Küppers einen radikalen Wandel angestoßen – hin zu einer Schule, die Beziehung, Verantwortung und individuelle Förderung ins Zentrum stellt. Wie dieser Weg gelungen ist – und was andere daraus lernen können.
Vor gut zehn Jahren stand die Grundschule am Dichterviertel in Mülheim an der Ruhr vor der Schließung: zu wenige Anmeldungen, schwache Lernergebnisse, ein Kollegium am Limit. Heute gilt sie als eine der innovativsten Schulen Deutschlands. 2021 und 2023 wurde sie mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet – unter anderem, weil es ihr gelingt, Bildungsbenachteiligung systematisch zu reduzieren und das Selbstwirksamkeitserleben jedes Kindes zu stärken.
Als Schulleiterin Nicola Küppers sich zum Interview zuschaltet, kommt sie direkt aus einer Bilanzsitzung mit ihrem Team. Sie lacht, macht noch einen Scherz – von Krisenstimmung ist nichts zu spüren. „Wir alle, die mit Menschen arbeiten dürfen, haben eigentlich den schönsten Job der Welt“, sagt sie. Und man merkt: Dieser Satz ist für sie keine Floskel, sondern Haltung.
Seit 2013 treibt Küppers die Transformation der Schule voran – weg von einem System, das organisiert und selektiert, hin zu einem lernenden System, das auf Beziehung, Verantwortung und individuelle Förderung setzt. Ein zentraler Ausgangspunkt dabei: die Frage nach dem „Warum“. Oder, wie es auf einer Tafel neben ihrem Schreibtisch steht: „Alles Mögliche war einmal unmöglich.“
INFO: Was steckt hinter diesem Satz?
Nicola Küppers: Ich glaube, dass es immer einen Traum braucht. Jede Entwicklung – insbesondere die menschliche – hat eigentlich ein Scheitern , eine Schwierigkeit oder ein Nicht-Können voraus. Und genau in diesen Momenten werden Menschen kreativ, suchen nach neuen Lösungen, nach Ideen. Irgendwann nimmt jemand einen Stein in die Hand und versucht daraus ein Werkzeug zu formen, weil die bisherigen Strukturen an eine Grenze gekommen sind.
Und dieser Satz beschreibt genau das: ein lernendes System, in dem wir uns eigentlich befinden sollten – auch als Schulsystem. Wir sind das oft nicht. Aber wir könnten es sein. In unserer Schule fragen wir nicht zuerst: „Warum geht das nicht?“ Sondern: „Welchen Traum habe ich? Was wäre schön zu können? Was wäre ein wunderbarer Bildungsraum für unsere Kinder?“ Und dann geht es darum, diesen großen Traum kleinschrittig umzusetzen – ohne die Richtung zu verlieren.

Wie lief es an ihrer Schule ab?
Ich habe unsere Schule stark über das Modell des „Golden Circle“ gedacht – also Why, How, What. Viele Systeme arbeiten über „Was“ und „Wie“: Was muss ich tun, wie muss ich es tun? Das können wir gut, aber da optimieren wir nur das Bestehende.
Das Entscheidende ist das „Warum“. Der Traum. Der braucht auch gar keinen Realitätsbezug zu dem, wo wir gerade stehen. Aber er berührt Menschen, er nimmt sie mit und lässt sie sich anstrengen und Hürden überwinden.
Martin Luther King hat ja auch nicht gesagt „I have a plan“, sondern „I have a dream“. Und genau darum geht es: Menschen träumen zu lassen, welche Lehrkräfte wir gerne wären, wie wir gerne arbeiten würden, wie Schule aussehen könnte. Mit der Demut, dass wir das nie perfekt erreichen. Aber wir kommen in einen gemeinsamen Prozess, in einen Flow, in dem wir versuchen, jeden Tag ein bisschen besser für unsere Kinder zu sein als gestern.
Das heißt: Schulentwicklung beginnt für Sie nicht mit Maßnahmen, sondern mit einem Bild davon, wie Schule sein könnte?
Ja, absolut. Wenn ich nur in Maßnahmen denke, bleibe ich im System gefangen. Der Traum öffnet den Raum.
Ein zentrales Motto Ihrer Schule lautet: „Eine Schule für alle Kinder“. Wie ist das entstanden – und was bedeutet es konkret?
Eigentlich ist der Satz ja fast witzlos – natürlich ist Schule für alle da. Aber wir machen ihn bewusst groß, weil wir in unserem Schulsystem sehr oft exkludieren. Wir sind eine Schwerpunktschule für Inklusion und Hochbegabung. Das heißt: Wir kümmern uns bewusst um die Ränder – um Kinder, die sonst Schwierigkeiten haben, aber auch um Kinder, die unterfordert sind und einfach „durchlaufen“.
Unser Anspruch ist es, alle zu erreichen. Wirklich alle. Und wir haben den Anspruch, hier kein Kind abzuschulen. Wenn ein Kind unsere Schule verlassen muss, ist das für uns immer auch ein Stück persönliches Scheitern – auch wenn wir wissen, dass es Grenzen gibt.
Wie schaffen Sie das?
Wir versuchen sehr viele Wege, jedes Kind hier zu fördern. Das machen wir zum Beispiel im jahrgangsübergreifenden Unterricht von Klasse 1 bis 4. Wir arbeiten konzeptionell anders. Und wir sagen auch ganz bewusst: Wir „unterrichten“ nicht im klassischen Sinne.
Unterrichten – das richtet, das ist hierarchisch. Das ist nicht unsere Grundidee. Das heißt aber nicht, dass wir keine Leistungsansprüche haben. Im Gegenteil. Wir arbeiten hochprofessionell mit den Kindern. Aber unser Job ist es, Gelingen zu ermöglichen – für jedes Kind, auf jedem Niveau.

Was ist dabei wichtig?
Achtung und Selbstwirksamkeit sind zentral. Kinder müssen stolz auf sich sein können – egal, auf welchem Level. Das ist der erste Schritt. Und wir haben natürlich viele Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen. Für mich im Ruhrgebiet ist das fast selbstverständlich. Wir haben unterschiedliche Religionen, unterschiedliche Rollenbilder, unterschiedliche Lebensrealitäten.
Aber genau das ist auch eine Stärke. Monokultur funktioniert nirgendwo – weder in der Landwirtschaft noch in der Gesellschaft. Es braucht Reibung. Es braucht Diskurs. Dieses „Knirschen“ führt dazu, dass Systeme lernen. Bildungsgerechtigkeit bedeutet für uns nicht, allen das Gleiche zu geben, sondern jedem das, was er braucht, um besser zu werden. Das wirkt von außen manchmal ungerecht – ist es aber nicht.
Ihre Schule wurde 2021 und 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es, Sie schaffen es, Bildungsbenachteiligung zu minimieren und das Selbstwirksamkeitserleben jedes Kindes zu stärken. Wie gelingt Ihnen das?
Es gelingt uns auf vielen Ebenen. Das Erste ist: Haltung. Haltung, Haltung, Haltung. Wer will ich sein? Wer wollen wir sein? Und auch: Wenn ich Menschen nicht verstehe, haben sie vielleicht einen guten Grund, so zu sein. Das ist schon schwierig genug.
Dann schaffen wir andere Einladungen. Eine andere Willkommenskultur. Bei uns sind Eltern jederzeit willkommen. Es gibt kein „Hier musst du draußen bleiben“. Die Eltern geben uns das Wichtigste, was sie haben – ihre Kinder. Und das ist oft mit Ängsten, mit Druck und mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen verbunden. Und manchmal ist es schon eine Bildungsleistung, wenn eine Mutter einfach da ist, sitzt, einen Kaffee trinkt. Sie muss nichts leisten. Aber sie ist da. Und das ist Qualität. Das reicht natürlich nicht. Wir müssen Kinder auch unabhängig von den Eltern stärken.
Wie übersetzt sich diese Haltung konkret in den Unterrichtsalltag?
Wir arbeiten stark mit selbstgesteuertem Lernen. Die Kinder lernen, wie sie lernen. Sie kennen ihre Hilfestrukturen. In der Corona-Zeit haben wir alle unsere Inhalte digital gespiegelt. Jedes Kind kann – unabhängig von den Eltern – auf alles zugreifen, wiederholen, vertiefen. Und wir machen die Lernwelt bewusst offen. Ein Kind darf auch Dinge machen, die eigentlich „noch nicht dran sind“.
Es gibt kein „Das darfst du noch nicht, weil du erst in Klasse 2 bist“. Wir bringen den Kindern systematisch bei, wie Lernen funktioniert. Dass Lernen anstrengend ist, dass es dazugehört, dass es schwierig ist. Und wir schaffen auch kleine Formate: digitale Vorleseabende zum Beispiel. Eine Lehrerin liest abends vor, die Kinder sitzen im Schlafanzug mit Kakao vor dem Bildschirm. Das ist kein großer Aufwand – aber ein Beziehungsangebot.
Und wir holen die Welt in die Schule. Wir haben Partnerschulen in verschiedenen Ländern, die Kinder sprechen miteinander, erleben andere Kulturen. Und wir geben ihnen Verantwortung. Alle Viertklässler machen Projekte für andere Schülerinnen und Schüler – sie lernen, etwas zurückzugeben. Das sind Erfahrungen, die Bildungsbenachteiligung ausgleichen können.
Und dann habe ich gefragt: „Warum macht ihr das so?“ und „Was braucht ihr?“ Und dann sagten mir die Kolleginnen und Kollegen: „Wir hätten gern eine Spülmaschine.“ Und ich dachte: Ich rede über Bildung – und ihr wollt eine Spülmaschine. Aber das war die Realität.
Sie haben kürzlich bei den Innsbrucker Gesprächen vom „Balancieren zwischen Verbindlichkeit und Ermöglichung“ gesprochen. Was meinen Sie damit konkret?
Das ist im Grunde meine Aufgabe als Leitung: Systeme zu balancieren. Aber sobald ich von Balancieren spreche, weiß ich: Ich bin nie im Gleichgewicht. Es sind immer Ausgleichsbewegungen. Menschen haben das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und gleichzeitig nach Autonomie. Und das ist ein Spannungsfeld. Meine Aufgabe ist es, klare Setzungen zu machen: Was ist unser Auftrag? Was ist nicht verhandelbar? Das sind diese „Guardrails“, diese Leitplanken. Und innerhalb dieser Leitplanken braucht es maximale Ermöglichung. Meine Lehrkräfte sind genauso unterschiedlich wie die Kinder. Und es geht darum, diese Vielfalt zu nutzen – und gleichzeitig klar zu haben, worum es hier geht. Und es gibt auch Grenzen. Wenn jemand nicht gut mit Kindern umgeht oder abwertend ist, dann passt das nicht zu uns.
Wenn Sie auf den Anfang zurückblicken: Wie war die Ausgangssituation Ihrer Schule?
Das war eine Schule, die vor der Schließung stand. Wir hatten 115 Kinder, nur 13 Anmeldungen, fünf Lehrkräfte. Das war im Grunde eine Selbsthilfegruppe. Die waren sehr engagiert, aber komplett überfordert. Die Kinder waren in schwierigen Lebenslagen, es gab viel Gewalt, wenig Perspektive. Und wir hatten bei Lernstandserhebungen 98 Prozent der Kinder auf der niedrigsten Kompetenzstufe – beim Zuhören. Also nicht beim Schreiben oder Rechnen – beim Zuhören. Das war der Ausgangspunkt.
Was waren Ihre ersten Schritte?
Das Erste war: Vertrauen aufbauen. Und dann habe ich gefragt: „Warum macht ihr das so?“ und „Was braucht ihr?“ Und dann sagten mir die Kolleginnen und Kollegen: „Wir hätten gern eine Spülmaschine.“ Und ich dachte: Ich rede über Bildung – und ihr wollt eine Spülmaschine. Aber das war die Realität. Also habe ich eine organisiert und hingestellt.
Das klingt banal – war aber offenbar ein Signal?
Ja, total. Es war ein Zeichen: Ich höre euch. Ich nehme euch ernst. Und gleichzeitig haben wir begonnen, Strukturen zu hinterfragen. Warum stellen wir Kinder morgens in Reihen auf? Was lernen sie dabei?
Gab es einen Moment, an dem Sie gespürt haben: Jetzt trägt die Veränderung?
Ja. Wir haben jahrelang darum gekämpft, überhaupt zu überleben. Und dann haben wir ein Kinderrechte-Projekt gemacht und einen Wettbewerb gewonnen. Da kam zum ersten Mal ein kollektives Gefühl von Stolz auf. Und dann kam eine Mutter, die sagte: „Ich gebe Ihnen mein Kind. Ich glaube Ihnen.“ Das war ein Kipppunkt. Und danach kamen die ersten Eltern, die sich umentschieden haben und bewusst zu uns gekommen sind. Das war der Moment, wo sich wirklich etwas gedreht hat.
Wir lassen Kinder Tests erst dann schreiben, wenn wir wissen: Sie schaffen mindestens 70 Prozent.
Mitten im Entwicklungsprozess kam Corona. Wie haben Sie verhindert, dass Ihre Schule in dieser Zeit in Stillstand gerät?
Wir haben zuerst einmal ganz strukturiert die Basics geklärt: Passwörter, Zugänge, Informationen. Also wirklich Worst Case denken: Was passiert, wenn hier jemand ausfällt – wie kommt ihr an alles ran? Und dann habe ich eine klare Entscheidung getroffen: Jetzt macht hier erst mal keiner Unterricht.
Das Wichtigste ist, dass wir in Beziehung bleiben – untereinander und vor allem mit den Kindern. Ob jetzt jemand eine Matheaufgabe macht oder nicht, ist völlig zweitrangig.
In der ersten Woche gab es keine Arbeitsblätter, nichts. Die Aufgabe war: Kontakt aufnehmen. Jedes Kind anrufen, sagen: Wir sind da. Es ist alles in Ordnung. Wir kümmern uns. Und gleichzeitig sollten die Lehrkräfte herausfinden: Welche digitalen Möglichkeiten haben die Familien überhaupt? Und dann habe ich gesagt: Ihr habt jetzt keinen Unterricht mehr. Ihr nehmt euch ein iPad oder einen Computer und beschäftigt euch nur damit, wie dieses Medium funktioniert. Videokonferenzen ausprobieren, sich gegenseitig einladen, sich austauschen. Es ging nicht um Unterricht – es ging darum, die Seele der Schule am Leben zu halten. Und die besteht aus Beziehung.
Das war damals durchaus ein ungewöhnlicher Weg – viele Schulen haben sofort Material verschickt.
Ja, absolut. Viele haben sofort Arbeitsblätter verteilt und Pakete gepackt. Wir haben jedoch bewusst einen anderen Weg gewählt: Wir wollten die Schule digital neu aufbauen. Dafür haben wir zahlreiche Elternabende organisiert – auch in verschiedenen Sprachen –, um alle Eltern zu erreichen.d Gleichzeitig waren wir für die Kinder da. Wir haben gelernt und unterrichtet, aber immer aus der Beziehung heraus. Die Kinder hatten digitale Räume, in denen sie sich treffen konnten. Wir haben sogar virtuelle Ausflüge gemacht, etwa nach Sydney. Wichtig war: Der Ablauf bleibt, die Rituale bleiben. Und die Eltern wussten, dass wir im Hintergrund erreichbar sind. Ich glaube, das war eine gute Entscheidung.
Hat sich aus dieser Zeit etwas dauerhaft verändert?
Ja, sehr viel. Wir mussten damals alles selbst entwickeln. Es gab kaum digitale Angebote, schon gar nicht für Grundschulen. Also haben wir angefangen, eigene Strukturen aufzubauen. Wir haben Inhalte in E-Books übertragen, Lehrfilme produziert – zum Beispiel zur schriftlichen Addition oder Subtraktion. Mit den Materialien, die die Kinder kennen, mit der Stimme der Lehrkraft, mit den Methoden. Und diese Inhalte haben wir heute noch. Wenn ein Kind etwas lernen will, scannt es einen QR-Code, kommt auf die Seite und bekommt eine klare Anleitung – und kann sofort weiterarbeiten. Das ist heute ein ganz wichtiger Teil unserer Lernstruktur.

Etwa die Hälfte der Unterrichtszeit findet bei Ihnen in der sogenannten Lernplanzeit statt. Was bedeutet das konkret?
Wir haben den klassischen Unterricht aufgelöst. Die Kinder lernen bei uns in sogenannten Familienklassen, also jahrgangsübergreifend von 1 bis 4. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Morgenkreis, oft moderiert von den Kindern selbst. Danach geht es in die Lernplanzeit. Die Kinder arbeiten auf ihrem individuellen Niveau – je nachdem, wo sie stehen. Einige brauchen sehr enge Strukturen, andere arbeiten sehr selbstständig. Und wichtig: Es ist nicht nur individuelles Lernen. Es gibt auch viele gemeinsame Phasen – Konferenzen, Partnerarbeiten, Austauschformate. Wir wollen, dass Kinder kognitiv aktiviert werden. Die Kinder arbeiten also an ihren Themen weiter – unabhängig vom Alter. Ein Erstklässler kann auch schon auf dem Niveau eines Drittklässlers arbeiten. Und wir lassen Kinder Tests erst dann schreiben, wenn wir wissen: Sie schaffen mindestens 70 Prozent.
Das heißt, Leistung wird bei Ihnen anders gedacht?
Ja. Uns geht es nicht darum, möglichst früh zu testen, sondern darum, dass Inhalte wirklich verstanden sind. Darauf baut ja alles Weitere auf.
Wie organisieren Sie Unterricht konkret in diesem System?
Wir arbeiten sehr stark im Team. Jeden Dienstag plant die ganze Schule gemeinsam. Wir schauen: Was brauchen die Kinder gerade? Und daraus entwickeln wir sogenannte adaptive Angebote. Das heißt: Die besten Lehrkräfte gehen für kurze Sequenzen – oft 20 Minuten – gezielt zu den Kindern, die etwas Bestimmtes brauchen. Das kann Förderung sein, Forderung, Diagnose oder Vermittlung. Diese Kinder kommen aus verschiedenen Klassen zusammen – und danach gehen sie wieder zurück. Es ist ein bisschen wie ein Bienenschwarm. Und dadurch entsteht eine sehr hohe Qualität.
Welche Rolle spielen die Lehrpersonen?
Eine sehr unterschiedliche. Wir haben Lehrkräfte mit ganz verschiedenen Stärken. Einige sind fachlich extrem stark, arbeiten sehr tief in ihren Themen. Andere sind unglaublich gut in Beziehung, im Wahrnehmen, im Begleiten. Und meine Aufgabe ist es, diese Stärken sichtbar zu machen und nutzbar zu machen – für alle. Ich möchte gar nicht, dass alle alles gleich gut können. Das wäre unrealistisch. Es geht darum, Vielfalt auch im Kollegium zu leben.
Kinder müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere. Und sie müssen erleben, was das bedeutet.
Verantwortung spielt bei Ihnen eine große Rolle – auch für die Kinder. Was bedeutet das konkret?
Kinder müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere. Und sie müssen erleben, was das bedeutet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Kind wurde bei uns rassistisch beleidigt. Viele Systeme reagieren dann mit Sanktionen – und das ist auch wichtig. Aber wir haben zusätzlich gesagt: Dieses Kind braucht Stärkung. Also haben wir eine Lehrkraft freigestellt, die sich intensiv mit diesem Kind beschäftigt hat. Und später hat dieses Kind ein eigenes Projekt gemacht: eine Empowerment-Gruppe für andere Kinder. Am Ende haben sie ein E-Book über Martin Luther King präsentiert.
Das heißt: Aus einer Verletzung wird ein Lernprozess?
Ja, genau. Das ist für mich Bildungsqualität. Oder wenn Kinder etwas herstellen – zum Beispiel kleine Puppen – und diese dann verschenken, etwa an ein Kinderheim. Dieser Moment, etwas zu geben und Resonanz zu erleben – das ist Lernen. Das kann ich auf keinem Arbeitsblatt abbilden.
Wie haben Sie diesen Lernplan-Ansatz überhaupt eingeführt?
Am Anfang war viel Improvisation. Ich habe zum Beispiel einfach Bänke gekauft und in die Klassen gestellt, damit die Kinder flexibler arbeiten konnten – mal alleine, mal in Gruppen oder gemeinsam im Kreis.. Das war nichts Perfektes – aber es war ein Anfang. Und dann haben wir ausprobiert, reflektiert, weiterentwickelt. Ich habe immer wieder gefragt: Wie lange wollen wir noch das Gleiche tun mit dem gleichen Ergebnis?
Hat sich dieser Ansatz auch in den Leistungen niedergeschlagen?
Ja, deutlich. Wir liegen heute messbar über dem Durchschnitt. Und das liegt daran, dass wir den Kindern individuelle Wege ermöglichen – sowohl für schwächere als auch für sehr starke. Zum Beispiel: Wenn ein Kind zu lange sehr gute Noten schreibt, fordern wir es bewusst stärker heraus. Weil Lernen auch anstrengend sein muss.
Wie würden Sie die Stimmung an Ihrer Schule beschreiben?
Heiter. Und relativ entspannt. Wir haben viele Strukturen, die uns entlasten. Niemand muss hier morgens hektisch irgendetwas vorbereiten. Wir haben Zeit, Kinder wirklich zu begleiten. Und wir haben auch klare Regeln für uns selbst. Zum Beispiel unsere „Krisenkarte“: Wenn jemand merkt, dass es gerade nicht geht, holt er sich Unterstützung – sofort, ohne Bewertung. Das schafft Vertrauen.
Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Hebel – und was würden Sie anderen Schulen mitgeben?
Es beginnt mit dem Traum. Nicht mit einem Leitbild für die Wand, sondern mit einem echten inneren Bild. Und dann braucht es Wissen darüber, wie Veränderung funktioniert. Dass es Phasen gibt, in denen es schlechter läuft – und dass das normal ist. Und dann braucht es Struktur. Klare Prozesse, klare Qualitätssicherung. Aber das Wichtigste bleibt: dranbleiben, reflektieren, weiterentwickeln. Und auch scheitern dürfen.




