Interview über Schulabsentismus

Wenn Schülerinnen und Schüler der Schule fernbleiben

Dienstag, 5.5.2026


Schulabsentismus – also das wiederholte Fernbleiben vom Unterricht – ist auch in Südtirol ein Thema, das Schulen beschäftigt. Roswitha Raifer und Barbara Postal vom Pädagogischen Beratungszentrum Brixen der Pädagogischen Abteilung der Bildungsdirektion haben dazu eine Handreichung ausgearbeitet. Im Interview erklären sie, was genau unter Schulabsentismus verstanden wird, welche Formen es gibt und warum die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern dabei entscheidend ist.

Wenn Schülerinnen und Schüler plötzlich häufiger fehlen oder über längere Zeit gar nicht mehr in die Schule kommen, stehen Lehrpersonen und Eltern oft vor vielen Fragen. Schulabsentismus – also das wiederholte Fernbleiben vom Unterricht ohne triftigen Grund – ist ein Phänomen, das auch Südtiroler Schulen kennen, bis dato wurden dazu in Südtirol noch keine Daten statistisch erfasst. Um Orientierung zu geben, haben Roswitha Raifer und Barbara Postal vom Pädagogischen Beratungszentrum Brixen der Pädagogischen Abteilung der Bildungsdirektion eine Handreichung zum Thema überarbeitet. Die erste Broschüre entstand bereits 2013, nun wurde sie an neue gesetzliche Bestimmungen und aktuelle Erfahrungen aus der Praxis angepasst. Sie richtet sich vor allem an Schulen, soll aber auch Eltern sensibilisieren – und zeigt auf einen Blick, welche Schritte möglich sind, wenn Schülerinnen und Schüler der Schule fernbleiben.

INFO: Was versteht man eigentlich genau unter Schulabsentismus – und warum ist es wichtig, dieses Phänomen ernst zu nehmen?

Roswitha Raifer: Schulabsentismus liegt vor, wenn eine Schülerin oder ein Schüler aus einem vom Gesetz nicht vorgesehenen Grund nicht am Unterricht teilnimmt – unabhängig davon, ob die Eltern davon wissen. Wichtig ist, Fehlzeiten früh zu erkennen, Ursachen zu klären und gemeinsam gegenzusteuern, damit sich das Fernbleiben nicht verfestigt. Was als „gerechtfertigter Grund“ gilt, ist nicht eindeutig definiert und liegt oft im Ermessen der Lehrkräfte.

In Ihrer Handreichung wird deutlich, dass Schulabsentismus viele Formen haben kann – vom Schulschwänzen bis zur Schulphobie. Wo liegen die wichtigsten Unterschiede?

Roswitha Raifer: Beim Schulschwänzen entscheidet der Schüler oder die Schülerin, nicht mehr in die Schule zu gehen – und die Eltern wissen nichts davon.

Barbara Postal: Bei der Schulphobie und auch bei der Schulangst ist es anders. Da bleiben die Kinder mit Wissen der Eltern zu Hause. Oft treten psychosomatische Symptome auf: Kopfweh, Bauchschmerzen oder leichtes Fieber. Hinter diesen Beschwerden können aber andere Ursachen stehen, die psychischer Natur sind.

Barbara Postal und Roswitha Raifer

Wird mit diesen unterschiedlichen Formen auch unterschiedlich umgegangen?

Roswitha Raifer: Ja, eindeutig. Beim Schulschwänzen ist es in erster Linie eine Aufgabe von Schule und Elternhaus, gemeinsam zu schauen, welche Gründe dahinterstehen und wie man damit umgeht. Durch das digitale Register ist es heute für Eltern sofort einsehbar, wenn ihr Kind fehlt. Bei Schulphobie oder Schulangst hingegen werden häufig Fachkräfte hinzugezogen. Meist wird zuerst ein Kinderarzt konsultiert, um abzuklären, ob es ein gesundheitliches Problem vorliegt. Erst nach sorgfältiger Abklärung wird häufig deutlich, dass keine organische Ursache vorliegt, sondern psychische Faktoren zugrunde liegen.

Welche Ursachen stehen am häufigsten hinter Schulabsentismus?

Barbara Postal:  Häufig beobachten wir psychosomatische Symptome, die sich mit zunehmenden Fehltagen verstärken können. Unsere psychologischen Dienste und Fachkräfte sind deshalb mittlerweile sehr gefragt.

Roswith Raifer: Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die sich oft gegenseitig potenzieren: Leistungsdruck, Überforderung, Ängste oder auch die Peer-Gruppe (Haltung der Gruppe dem Schulbesuch gegenüber). Manchmal kann auch Mobbing dahinterstecken, das nicht erkannt wird. Bei Schulphobie geht es oft um Trennungsangst – Kinder oder auch Jugendliche haben große Angst, sich von ihren wichtigsten Bezugspersonen zu lösen. Bei Schulangst liegt der Fokus in der Schule selbst, etwa bei Leistungsangst oder sozialen Ängsten.

Schulabsentismus beginnt oft schleichend. Welche ersten Anzeichen sollten Lehrpersonen und Eltern ernst nehmen?

Barbara Postal: Wenn auffällt, dass jemand zum Beispiel immer bei Schularbeiten fehlt oder in einem bestimmten Fach besonders häufig fehlt, sollte man dem nachgehen – am besten schon beim zweiten oder dritten Mal. Wichtig ist eine gute Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern.

Roswitha Raifer: Es geht darum, bewusst hinzuschauen. Vielleicht fällt auf, dass ein bestimmter Tag schwierig ist, etwa der Montag, oder besonders lange Schultage. Eltern und Schule sollten gemeinsam aufmerksam sein und hinterfragen, warum ein Kind plötzlich nicht mehr regelmäßig zur Schule kommen kann.

Es darf nicht nur um Leistung gehen, sondern darum, dass jedes Kind so sein darf, wie es kann.

Die Broschüre betont, wie wichtig Prävention ist. Was können Schulen konkret tun, damit Schülerinnen und Schüler sich in der Schule wohlfühlen und gar nicht erst in eine Spirale der Schulvermeidung geraten?

Barbara Postal: Eine Willkommenskultur schaffen – das ist zentral. Hinzuhören, hinzuschauen, hinzufühlen: Fühlen sich die Schülerinnen und Schüler wohl? Wie ist der Umgangston untereinander und zwischen Lehrpersonen und Kindern/Jugendlichen? Ist die Schule ein einladender Ort, der zum Lernen und Verweilen anregt? Wichtig ist auch die Gestaltung des Unterrichts – und vor allem viel Beziehungsarbeit.

Roswitha Raifer: Gleichzeitig müssen wir mit dem Thema Leistung differenziert umgehen. Schülerinnen und Schüler haben unterschiedliche Leistungsniveaus. Es darf nicht nur um Leistung gehen, sondern darum, dass jedes Kind so sein darf, wie es kann. Schule ist nicht nur ein Ort des Leistens. Wichtig ist auch, genau auf das Miteinander zu schauen – Mobbing spielt oft eine große Rolle.

Barbara Postal: Lehrpersonen sollten aktiv den Kontakt zu den Erziehungsverantwortlichen suchen und regelmäßig pflegen. Ein guter Austausch von Anfang an hilft, Probleme früh zu erkennen und gemeinsam zu handeln.

Warum ist diese Kooperation so wichtig?

Barbara Postal: Wenn bereits von Beginn an eine gute Beziehung zwischen Schule und Eltern besteht, können erste Warnsignale direkt angesprochen werden, ohne dass mögliche Konflikte entstehen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich Fronten verhärten. Die Schule hat das Gefühl, die Eltern handeln nicht richtig, und die Eltern glauben, die Schule sei kein guter Ort für ihr Kind. Dabei müssen beide Seiten gemeinsam handeln.

In Ihrer Handreichung beschreiben Sie auch einen klaren Handlungsplan. Wie sieht dieser aus?

Barbara Postal: Der Handlungsplan ist in mehrere Stufen gegliedert. Grundsätzlich gilt: Es sollte bereits bei ersten Auffälligkeiten reagiert werden. Zunächst geht es darum, frühzeitig das Gespräch zu suchen – mit den Schülerinnen und Schülern sowie mit den Erziehungsverantwortlichen. Bleibt eine Verhaltensänderung aus, werden die Schulführungskraft und die Schulsozialpädagogik einbezogen. Es folgt ein weiteres klärendes Gespräch mit den Eltern.
Parallel dazu werden je nach Ursache Fachdienste hinzugezogen, etwa der Psychologische Dienst, die Familienberatung oder das Pädagogische Beratungszentrum. Ziel ist es, in Netzwerktreffen gemeinsam Lösungen zu erarbeiten – ohne Schuldzuweisungen, sondern mit Fokus auf das Wohl des Kindes.

Häufig fehlt der Kontakt zwischen Schule und Elternhaus, sodass zunächst viel Beziehungsarbeit notwendig ist. Zudem erleben wir oft, dass Eltern an ihre Grenzen kommen.

Und wenn diese Maßnahmen auch nicht zum Erfolg führen?

Barbara Postal: Dann greifen die gesetzlich vorgesehenen Schritte: Nach 15 unentschuldigten Fehltagen innerhalb von drei Monaten wird das formelle Verfahren eingeleitet. Die Schulführung versucht erneut, Kontakt zu den Erziehungsverantwortlichen aufzunehmen. Bleibt dieser erfolglos, wird die Gemeinde informiert, die ihrerseits versucht, einen Kontakt herzustellen. Scheitert auch dieser Versuch, folgt eine Meldung bzw. die Strafanzeige. Um die gravierenden Auswirkungen dieser Maßnahmen zu vermeiden, ist das präventive und frühzeitige Intervenieren von Seiten der Schule besonders bedeutsam. 

Roswitha Raifer: Bereits davor kann – wenn die Situation trotz Kooperation der Eltern festgefahren ist – eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung an das Jugendgericht erfolgen, damit Sozialdienste mit eingebunden werden können.

Sie sind in Ihrer Arbeit selbst mit solchen Fällen konfrontiert. Welche Erfahrungen machen Sie in der Praxis?

Barbara Postal: Die Fälle sind sehr unterschiedlich, pauschale Aussagen sind kaum möglich. Oft ist schon viel passiert, bevor ein Fall überhaupt sichtbar wird. Häufig fehlt der Kontakt zwischen Schule und Elternhaus, sodass zunächst viel Beziehungsarbeit notwendig ist. Zudem erleben wir oft, dass Eltern an ihre Grenzen kommen. Es fällt ihnen schwer, konsequent zu bleiben und ihr Kind trotz Widerstand in die Schule zu bringen. Das ist emotional belastend und braucht Unterstützung durch Fachkräfte.

Roswitha Raifer: Besonders bei Schulphobie handelt es sich oft um einen langen, schwierigen Prozess, bei dem sich auch im Familiensystem vieles verändern muss. Trotz Begleitung durch psychologische Dienste bleibt es ein schwieriger Weg. Das Phänomen tritt bereits in der Grundschule auf, oft beim Übergang in die Mittelschule und bleibt auch in der Ober- und Berufsschule ein Thema. Mit zunehmendem Alter wird es schwieriger, weil der Einfluss der Eltern abnimmt. Einen 16-Jährigen, der sich verweigert, kann man kaum noch zum Schulbesuch zwingen. Therapeutische Prozesse können den Wiedereinstieg erleichtern, bleiben aber eine große Herausforderung – für die Jugendlichen ebenso wie für die Eltern.

Wenn der erste Schritt zurück in die Schule gelingt, stabilisiert sich vieles. Dieser erste Schritt ist jedoch die größte Hürde.

Wenn Schülerinnen und Schüler eine längere Zeit gefehlt haben, wie gelingt eine gute Rückführung in die Schule, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen?

Barbara Postal: Entscheidend ist, die Rückkehr gemeinsam mit der Schülerin oder dem Schüler zu planen: Was darf in der Klasse thematisiert werden – und was nicht? Auch der Klassenrat muss gut vorbereitet werden, damit alle an einem Strang ziehen und niemand unbewusst verletzend reagiert. Wenn möglich, sollte auch die Ursache transparent gemacht werden, um Verständnis zu schaffen und Ausgrenzung oder Mobbing zu vermeiden. In der ersten Zeit nach der Rückkehr ist es besonders wichtig, aufmerksam zu begleiten, damit die Situation nicht wieder kippt. Das ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten.

Roswitha Raifer:  Ein enger, kontinuierlicher Austausch zwischen Schule und Elternhaus ist zentral. Oft zeigt sich: Wenn der erste Schritt zurück in die Schule gelingt, stabilisiert sich vieles. Dieser erste Schritt ist jedoch die größte Hürde. Wenn er noch nicht gelingt, ist es wichtig, den Kontakt zur Schule aufrechtzuerhalten – etwa über Mitschülerinnen und Mitschüler, Hausaufgaben, digitale Gruppen oder Einladungen zu einzelnen Aktivitäten. Auch alternative, niedrigschwellige Zugänge, etwa außerhalb der Klasse, können helfen. Entscheidend ist, dass die Verbindung zur Schule nicht abreißt. Denn jede gelingende Rückkehr beginnt damit, dass Beziehung bestehen bleibt.

INFO Redaktion

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