Bildung und Gesellschaft

21 Tage offline: Wie ein Schulprojekt die Smartphone-Gewohnheiten offenlegt

Donnerstag, 2.4.2026

106 Jugendliche legten ihr Smartphone für drei Wochen weg. Das Experiment am Realgymnasium und der Technologischen Fachoberschule in Meran zeigt, wie sehr das Gerät den Alltag strukturiert – und wie schnell Routinen ins Wanken geraten, wenn es fehlt. 

Die Aula des Realgymnasiums „Albert Einstein“ (RG) und der Technologischen Fachoberschule „Oskar von Miller“ (TFO) in Meran wirkte an diesem späten Abend wie aus einer anderen Zeit: kein Displayleuchten, kein Tippen, keine gebeugten Köpfe. Stattdessen Karten- und Brettspiele, Lachen, Stimmengewirr – eine Atmosphäre, die in analogen Jahren selbstverständlich war. 

Es war der Abschlussabend eines Experiments, das viele Jugendliche „das härteste ihres Lebens“ nennen. Vom 4. bis zum 24. März gaben 106 Schülerinnen und Schüler ihre Smartphones ab. 21 Tage ohne Snapchat, TikTok, WhatsApp und Instagram – ohne jenes Gerät, das für ihre Generation Kalender, Kamera, Wecker und Kommunikationsachse zugleich ist. 

Am Elternabend in der Schulaula führten die Erstklässler Milena Davanzo und David Bauer durch das Programm, begleitet von der Schulband. Gemeinsam mit Eltern und Lehrpersonen blickten die Jugendlichen auf drei Wochen zurück, in denen sie Alltägliches neu organisieren mussten und mehr über ihr Medienverhalten lernten, als sie erwartet hatten. 

Die Erstklässler Milena Davanzo und David Bauer moderierten den Elternabend zum Handyexperiment in der voll besetzten Schulaula.

Ein Experiment, größer als geplant

Das Meraner Projekt ist Teil eines länderübergreifenden ORF-Experiments: Waren es im vergangenen Schuljahr noch 69 Teilnehmende, meldeten sich diesmal rund 70.000 Schülerinnen und Schüler aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Lichtenstein und Südtirol über Handyexperiment.at an; ein sprunghafter Anstieg und ein Hinweis auf das wachsende Bedürfnis nach Reflexion digitaler Gewohnheiten. 

Angestoßen wurde die Teilnahme von Mathematiklehrer Alexander Trojer, der die ORF-Sendung Drei Wochen Handy-Entzug – Das Experiment gesehen hatte. Erst die Kooperation mit dem TV-Sender und die wissenschaftliche Begleitung hätten viele Jugendliche der Schule überzeugt mitzumachen, sagte Trojer. Unterstützt wurde er von Kolleginnen und Kollegen aus zehn Klassenräten sowie von den Eltern. 

Was es bedeutete, offline zu sein

Doch was passiert, wenn man Jugendlichen das zentrale Werkzeug ihres Alltags entzieht? Frieda Larcher und Jeremiah Kofler aus der Klasse 3B/RG präsentierten den Eltern die Ergebnisse der internen Schülerbefragung – pointiert, theatralisch, aber exakt. Die ersten Tage seien „brutal“ gewesen, so die beiden Jugendlichen, nicht wegen Entzugserscheinungen, sondern wegen praktischer Fragen: Wie weckt man sich ohne Handy? Wie erfährt man die Buszeiten? Wie organisiert man Hausaufgaben ohne WhatsApp oder ChatGPT?

Jeremiah Kofler (l.) und Frieda Larcher (r.) aus der Klasse 3B vom Realgymnasium „Albert Einstein“ stellten Eltern sowie Jugendlichen die Ergebnisse der Schülerbefragung vor.

Der Smartphone-Verzicht machte Routinen sichtbar. „Viele von uns empfanden Langeweile – ein Gefühl, das uns fremd geworden war“, sagte Jeremiah. Absprachen erforderten plötzlich Vertrauen: Kommt der andere wirklich? Und der Alltag sei ohne Musik aus den AirPods stiller geworden. 

Ein Schüler wurde Zeuge eines Unfalls und konnte ohne Smartphone keinen Notruf absetzen. Passanten alarmierten schließlich die Rettung. Der Vorfall wurde am Elternabend als Beispiel dafür aufgegriffen, dass Smartphonekritik und reale Alltagsrisiken klug austariert werden müssen. 

Gleichzeitig berichteten viele von positiven Effekten: längere Konzentrationsphasen, ruhigere Abende, ein regelmäßigerer Schlafrhythmus. Während die Jugendlichen in der Schule neue Routinen fanden, veränderte sich auch zu Hause manches, das Eltern überraschte.

Was Familien beobachteten

Eltern beschrieben ihre Kinder als ausgeglichener, präsenter. „Familiäre Konflikte wegen der Handynutzung erübrigten sich“, schrieb ein Elternteil. In mehreren Familien entstanden neue Rituale: Brettspiele am Abend, Gespräche beim Essen, gemeinsames Fernsehen. Gleichzeitig wurden Absprachen schwieriger, Uhrzeiten und Treffpunkte mussten genauer vereinbart werden.

Bemerkenswert war ein Nebeneffekt: Auch viele Eltern hinterfragten ihr eigenes Smartphone-Verhalten. Skeptische Stimmen gab es ebenfalls – der Effekt sei womöglich nicht dauerhaft. Doch, so der Tenor, das Projekt habe eine wichtige Diskussion angestoßen. 

Wie viel analoge Lebenszeit ein Smartphone frisst

Schuldirektor David Augscheller sagte, die Erfahrungen der Jugendlichen hätten ihn angeregt, den eigenen Smartphone-Konsum zu überprüfen und „Zeiten zu entdecken, die zuvor unbemerkt verflossen waren“. Wie groß diese Zeiten sind, zeigte eine Rechnung, die am Elternabend präsentiert wurde: Wer täglich zwei Stunden am Smartphone verbringt, kommt auf 45 reale Nutzungstage pro Jahr; bei drei Stunden sind es 68 Tage. Auf zehn Jahre hochgerechnet entspricht das bis zu zwei Jahren ununterbrochene Bildschirmzeit. 

Online ist praktisch. Aber es bleibt die Frage: Wie viel Zeit wollen wir wofür aufwenden?

Viele Jugendliche kündigten an, TikTok oder Instagram löschen, Benachrichtigungen reduzieren oder das Handy bewusst weglegen zu wollen. „Wenn ich mit Freunden oder der Familie zusammen bin, will ich mein Handy weglegen“, sagte Frieda. Jeremiah formulierte es nüchtern: „Ich habe verstanden, was ich wirklich von meinem Smartphone brauche.“ 

Mathematiklehrer Trojer fasste das Experiment so zusammen: „Online ist praktisch. Aber es bleibt die Frage: Wie viel Zeit wollen wir wofür aufwenden?“ Seine Botschaft an die Jugendlichen: „Denkt selbständig, bleibt kritisch und seid selbstbewusst.“ Keine Regulierung, kein Verbot, sondern Reflexion.

Einordung durch Expertinnen und Experten 

Zeitlich begrenzte Smartphone-Experimente gelten aus wissenschaftlicher Sicht nicht als langfristige Dauerlösung, wohl aber als wirksamer Impuls, um digitale Routinen sichtbar und bewusst zu machen. 

Das Anton-Proksch-Institut, eine der führenden Einrichtungen für Suchtfragen in Europa, und die Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien begleiteten das ORF-Großexperiment wissenschaftlich und untersuchten, wie sich ein 21-tägiger Smartphone-Verzicht auf Schlaf, Stress und Wohlbefinden auswirkt. Erste Auswertungen zeigen messbare positive Veränderungen, insbesondere bei der Schlafqualität, der Stimmung und dem psychischen Wohlbefinden der Teilnehmenden. 

Eine Übersichtsstudie der Universität Augsburg kommt zu einem ähnlichen Ergebnis im schulischen Kontext: Smartphone-Pausen können das soziale Wohlbefinden stärken und Lernprozesse unterstützen – nicht als pauschales Verbot, sondern als Teil reflektierter Medienbildung. 

Eine Nacht wie früher 

Nach dem offiziellen Teil wurde aus dem Elternabend eine lange Nacht. In der Schulaula fanden sich verstreut Matten, Schlafsäcke, Brett- sowie Kartenspiele und Jugendliche, die bis spät lachten, spielten und diskutierten. Mit Unterstützung des Vereins „moaser Spieltreff“ entstand eine Atmosphäre, die an Klassenfahrten „vor dem Smartphone-Zeitalter“ erinnerte – unbeschwert, ohne die ständige Präsenz eines Geräts, das jeden Moment dokumentiert. 

Nach 21 Tagen zurück im digitalen Alltag: Jugendliche mit ihren Smartphones am Morgen nach Abschluss des Experiments in der Schulaula beim gemeinsamen Frühstück.

Am frühen Morgen des 24. März erhielten die Jugendlichen des Realgymnasiums und der Technologischen Fachoberschule in Meran ihre Smartphones zurück. Kurz blinkten unzählige Benachrichtigungen auf und holten alle in die digitale Gegenwart zurück. Doch diese Jugendlichen wissen nun: Es geht auch anders. 

INFO Redaktion

Bildung und Gesellschaft

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Donnerstag, 2.7.2026

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Bildung und Gesellschaft

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Dienstag, 30.6.2026

Mit einem Videofeature über die ladinische Sprache hat Maria Erhard vom Kunstgymnasium Bruneck den diesjährigen Schüler:innenpreis CLAUS gewonnen. Für ihren Beitrag sprach die Schülerin mit Menschen aus ihrem Heimatdorf Enneberg – auch mit jenen, die Ladinisch erst später im Leben gelernt haben.

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