Lehrgang zum zertifizierten Hirten
„Das hat meinen Blick auf die Tiere verändert“

41 Jahre lang arbeitete Karl Messner als Tischler, dann ging er in Pension. Heute hütet er auf der Kuhalm oberhalb von Telfes in der Gemeinde Ratschings rund 80 Rinder. Im INFO-Interview erzählt er, warum er sich zum zertifizierten Hirten ausbilden ließ, was er im Lehrgang gelernt hat und weshalb ein guter Hirte seine Tiere genau beobachten muss.
Mittlerweile stehen 23 berufliche Qualifikationen zur Verfügung, in denen sich Personen ihre Kompetenzen zertifizieren lassen können. Wer einen entsprechenden Lehrgang besucht und eine praktische Prüfung besteht, erhält ein von der Autonomen Provinz Bozen ausgestelltes Zertifikat, das über den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR/EQF) auch europaweit anerkannt ist. Zu diesen Qualifikationen zählt auch jene zum zertifizierten Hirten. Karl Messner hat den Lehrgang an der Fachschule für Land- und Hauswirtschaft Salern absolviert und die Zertifizierung erfolgreich erworben.
INFO: Herr Messner, Sie waren 41 Jahre lang Tischler. Wie wird man nach der Pension plötzlich Hirte?
Karl Messner: Eigentlich eher zufällig. Nach meiner Pensionierung wollte ich nicht mehr in meinen alten Beruf zurückkehren. Nach 41 Jahren als Tischler hatte ich genug davon. Über eine Bekannte ergab sich die Möglichkeit, für etwa eineinhalb Monate auf einer Alm mitzuarbeiten. Diese Erfahrung hat mir so gut gefallen, dass ich auf den Geschmack gekommen bin. Daraus entstand schließlich die Idee, eine Ausbildung zum Hirten zu machen.
Warum haben Sie sich für den Lehrgang zum zertifizierten Hirten entschieden?
Weil ich den Beruf richtig erlernen wollte. Viele sagen: „Wozu braucht man dafür einen Kurs?“ Aber ich sehe das anders. Für mich ist das Hirtenwesen ein Beruf mit viel Verantwortung. Ich wollte verstehen, wie Tiergesundheit, Weidemanagement oder Herdenschutz funktionieren. Deshalb habe ich mich angemeldet.
Da versteht man plötzlich, warum Tiere auf Licht, Schatten oder Bewegungen reagieren. Solche Dinge sieht man als Laie oft gar nicht.
Wie war die Ausbildung aufgebaut?
Der Lehrgang fand an der Fachschule Salern statt und umfasste rund 120 Stunden. Wir hatten über drei Monate hinweg jeweils eine Woche Unterricht pro Monat. Die Referentinnen und Referenten kamen aus der Praxis – Tierärzte, erfahrene Hirten und weitere Fachleute. Das war sehr lehrreich. Ich bin jeden Tag gerne hingegangen.
Was hat Sie besonders beeindruckt?
Dass man lernt, Tiere mit ganz anderen Augen zu sehen. Ein Referent hat uns zum Beispiel gezeigt, wie eine Kuh ihre Umgebung wahrnimmt. Da versteht man plötzlich, warum Tiere auf Licht, Schatten oder Bewegungen reagieren. Solche Dinge sieht man als Laie oft gar nicht. Das hat meinen Blick auf die Tiere verändert.
Welche Inhalte aus dem Lehrgang helfen Ihnen heute auf der Alm am meisten?
Vor allem die Tierbeobachtung. Man lernt, frühzeitig zu erkennen, ob es einem Tier gut geht oder ob etwas nicht stimmt. Wenn die Tiere morgens aufstehen und losgehen, sieht man oft sofort, ob eines nicht fit ist. Wichtig sind auch Kenntnisse über Weidemanagement, Zaunbau und Wasserversorgung. Das braucht man jeden Tag.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Hirte aus?
Mein Tag beginnt gegen halb sechs Uhr morgens. Danach kontrolliere ich die Herde, schaue nach den Wasserstellen und erledige anfallende Arbeiten. Besonders wichtig ist es, die Tiere zu beobachten. Später stehen oft Zaunarbeiten oder andere Aufgaben an. Gegen Abend kontrolliere ich die Herde noch einmal. Die Tage sind lang, aber zugleich äußerst abwechslungsreich.
Für mich war die Ausbildung hervorragend organisiert und sehr praxisnah.
Was ist die größte Herausforderung?
Die Verantwortung. Man muss ständig wissen, wo die Tiere sind und wie es ihnen geht. Gerade am Anfang der Alpsaison verteilen sich die Tiere oft über ein großes Gebiet. Da braucht es viel Aufmerksamkeit. Außerdem muss man körperlich fit sein und auch damit zurechtkommen, viel Zeit alleine zu verbringen.
Würden Sie den Lehrgang anderen empfehlen?
Auf jeden Fall. Für mich war die Ausbildung hervorragend organisiert und sehr praxisnah. Man sollte sich allerdings bewusst sein, worauf man sich einlässt. Hirte zu sein bedeutet, Verantwortung zu tragen, körperliche Arbeit zu leisten und dabei oft alleinzu sein. Wer sich dafür interessiert und gerne mit Tieren und in der Natur arbeitet, für den ist der Lehrgang eine tolle Möglichkeit.
Sie sind jetzt ein paar Wochen auf Ihrer ersten Alm als Hirte. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?
Sehr positiv. Natürlich ist alles neu und intensiv. Aber ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit. In der Pension noch einmal etwas ganz Neues zu lernen und zu erleben, ist etwas Besonderes. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe.




