Reportage für den Gabriel-Grüner-Schülerpreis
Und plötzlich allein

Ein Klick genügte und die Welt wurde still. Keine Nachrichten und kein Handy – und kein Zurück. War es mutig oder naiv, allein und offline loszuziehen? Eine Reportage der Schüler Orestis Sparber und Glenn Seebacher im Rahmen des Gabriel-Grüner-Schülerpreises.
Text: Orestis Sparber und Glenn Seebacher | Fotos: Glenn Seebacher
Der Bildschirm wird schwarz. Ein letzter Blick. Dann Stille. Ratternd verlässt der Zug den Bahnhof und die Welt fühlt sich ungewohnt leer an. Keine Musik und keine Navigation und kein blinkendes Chatfenster. Nur das Schaukeln der Waggons und eine Durchsage. Die Sprache klingt vertraut und doch fremd. Ein Gefühl von Abenteuer und Unsicherheit breitet sich aus. Ich fahre allein nach Verona. Mein Handy ist ausgeschaltet. Es ist ein bisschen, als hätte ich die Kontrolle verloren oder eine neue Freiheit erlangt. Heutzutage ist es ein Experiment, ohne Handy zu reisen. Die meisten europäischen Reisenden nutzen digitale Karten, Übersetzungs-Apps und Online-Buchungen und sind immer erreichbar. Das Smartphone ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Sicherheitsnetz – ein Teil von uns.
Ohne es zu reisen bedeutet, sich wieder verlaufen und warten zu müssen und den Zufall zu akzeptieren. Genau das macht diese Erfahrung radikal anders. Es sollte eigentlich eine Reise zu zweit sein. Glenn und ich hatten die Reise fast spielerisch geplant: Karten zum Spielen, eine Kamera und Bargeld, einen Block und sogar eine alte Uhr, die lange in einer Schublade lag. Sie brachte Rhythmus in eine Reise, die mir zeigte, anders auf die Welt zu schauen. Die Idee war einfach und fast romantisch – eine Reise wie früher, als alles langsamer war und Städte nicht durch Bildschirme dargestellt wurden.

Am Morgen der Abreise wollte ich mein Handy ausschalten. Doch es vibrierte ein letztes Mal. Glenn schrieb, er sei krank. Es war ein Moment, in dem einem gleichzeitig heiß und kalt wird. Ich musste allein fahren. Allein nach Verona. Ohne Handy. Ohne Absicherung. Ich dachte kurz daran, die Reise zu verschieben. Doch dann kam ein anderer Gedanke, der leise, aber hartnäckig war. Vielleicht liegt das echte Abenteuer in dieser Unsicherheit. Ich atmete tief. Schaltete das Handy aus. Der Weg zum Bahnhof war schneller vorbei, als mir lieb war. Das Fahrrad klapperte über den Asphalt. Die Luft war kalt. Mein Rucksack fühlte sich schwerer an. Es war, als trüge ich nicht nur Kleidung, sondern auch Verantwortung.
Der Ticketautomat war der erste Test. Ohne App, ohne gespeicherte Tickets, ohne digitale Hilfe. Die Knöpfe wirkten altmodisch, aber fast freundlich. Während ich das Ticket löste, merkte ich, wie viel man dem Handy im Alltag überlässt. Die Durchsage „Il treno regionale … destinato a Verona Porta Nuova …“ riss mich aus diesen Gedanken. Das Abenteuer hatte keine Geduld. Ich rannte durch Schülergruppen, die wie ein Strom aus Gegenwart und Gewohnheit aus dem Zug drängten, und sprang hinein. Schnell merkt man, was ein ausgeschaltetes Handy wirklich bedeutet. Keine Musik, keine Spiele, keine Nachrichten. Kein Entkommen. Der Zug wurde zu einem langen ratternden Nichts und zwang mich dazu, mit mir selbst allein zu sein.
Hinter mir lernte eine Schülergruppe für die Schule, Wirtschaft und Politik. Einer schlief mit offenem Mund und ein anderer kritzelte gelangweilt in sein Heft. Ich beobachtete sie wie ein Forscher, der zufällig in eine fremde Alltagswelt geraten war. Als ich aus dem Fenster schaute, fielen mir die Schlieren und Fingerabdrücke auf dem Glas auf. Normalerweise übersieht man sie. Jetzt waren sie deutlich sichtbar wie alles an diesem Tag. Einige Stationen später weckte mich der Kontrolleur. Ohne ihn wäre ich vielleicht in der Po-Ebene gestrandet. Verona Porta Nuova. Ein Bahnhof wie ein Zwischenschritt: weder alt noch neu und eher pragmatisch als schön.

Und ich stand davor wie jemand, der vergessen hat, wie man eine Stadt betritt. Ich wusste, was ich sehen wollte, aber nicht, wie ich dorthin kam. Eine Buchhandlung neben dem Bahnhof wurde meine Rettung. Zwischen Reiseführern und Postkarten fand ich sie: eine gefaltete Stadtkarte für 3,50 Euro. Ich hatte noch nie eine echte Stadtkarte benutzt. Die Linien wirkten wie ein Rätsel und die Straßen wie Fäden in einem Labyrinth. Ich fand den Bahnhof. Dann die Arena. Und los ging es.
Verona gehört zu den ältesten Städten Norditaliens, ist römisch geprägt und mittelalterlich gewachsen sowie bis heute von Festungen und Palazzi und engen Gassen durchzogen. Die Arena und das römische Amphitheater sind das Herz dieser Stadt. Doch wer ohne Navigation unterwegs ist, erlebt Verona anders. Alles passiert verzögert und fragmentiert und manchmal irreführend. Aber es ist intensiv. Ich lief. Und lief. Und lief. Normalerweise gibt Google Maps Zeit und Distanz und Richtung vor. Jetzt waren es nur meine Augen. Ständiges Anhalten und Kartenwenden und die Ungewissheit, ob die Straße die richtige ist. Genau diese Ungewissheit veränderte meinen Blick.
Ich begann, Straßennamen zu lesen, Menschen zu beobachten und auf Fensterbalkone und Klingelschilder und Bäckereien zu achten. Die Stadt war wie ein Mosaik, das mir entgegenkam. Stück für Stück und Schritt für Schritt. Aus geplanten 20 Minuten wurden fast 80. Aber es war die schönste Art, sich zu verlaufen. Das Zentrum öffnete sich wie ein Lichtermeer. Der Weihnachtsmarkt funkelte in warmen Farben und erwartete mich mit gerösteten Mandeln und Bratwürsten und dampfenden Gläsern und Ständen voller Holzspielzeug und Glassterne. Und dazwischen stand sie: die Arena di Verona. Ein Koloss aus Stein, voller Geschichte. Die Bögen warfen lange Schatten und aus tiefen Gängen roch es nach alter Erde und kühler Vergangenheit. Es waren Momente, in denen die Gegenwart kurz innehält.
Die Via Mazzini, voller Geschäfte, klang wie ein Strom aus Gesprächen und Musik und raschelnden Einkaufstüten. In einem Adidas-Laden sprach mich ein Verkäufer an. Er war freundlich, interessiert und offen. Wir redeten über Fußball, Trikots und Vereine. Dieses Gespräch hätte in einem Chat nur fünf Nachrichten gedauert. Hier dauerte es minutenlang und fühlte sich echter an. Verona, fiel mir auf, ist voll mit Menschen, die entspannt erscheinen. Vielleicht, weil die Stadt so uralt ist und niemanden zur Eile drängt. Ein Kebab-Imbiss in einer engen Gasse wurde mein Platz zum Mittagessen. Das Brot war warm, das Fleisch würzig und die Cola kalt. Aber als ich wieder nach draußen ging, wurde mir klar: Ich wusste nicht, wo ich mich befand. Ich stand minutenlang an einer Hauswand mit der aufgeklappten Karte und drehte die Linien, bis sie Sinn ergaben. Offline sein heißt: Wege entdeckt man erst, wenn man sie schon eine Weile gegangen ist.

Die Università degli Studi di Verona ist etwas abgelegen. Die Busfahrt dorthin war ein Erlebnis. Ich verstand den Fahrplan nicht, stieg zu früh aus, lief zurück und fragte nach, fühlte mich unbeholfen. Mit der gefalteten Karte in der Hand kam ich mir vor wie ein Idiot. Während alle anderen auf ihre Displays starrten, stand ich da und drehte Papier in der Luft. Doch genau das zwang mich, Menschen anzusprechen. Jede Frage war eine kleine Herausforderung. Ich fragte Menschen nach dem Weg und erhielt ihre hilfsbereiten Gesten und Beschreibungen. Dann nahm ich einen Bus für 15 Minuten. Er war leise und funktional.
Auf dem Campus beobachtete ich Studierende, die lachten, lasen und diskutierten. Ich stellte mir vor, wie es sein könnte, hier zu studieren, zwischen der Geschichte und der Gegenwart, zwischen Römermauern und Bibliotheksfluren. Die Rückkehr ins Zentrum brachte die härteste Phase. Ein Hotel zu finden, ohne online zu buchen, ist mühsamer, als man denkt. Viele Häuser wiesen mich ab. Zu jung, kein Erziehungsberechtigter, kein Zimmer frei. Frust brannte in mir. Ich war müde, hungrig, aufgekratzt. Irgendwann, nach mehreren erfolglosen Versuchen, fand ich ein kleines Hotel, unscheinbar, aber offen für mich. Im Zimmer saß ich auf dem Bett und fühlte mich leer. Der Abend im Hotel war der Tiefpunkt. Die Langeweile war nicht ruhig, sie war aggressiv. Sie machte mich nervös, traurig, verzweifelt. Ich fragte mich, warum ich mir das antat, allein, ohne Handy. Dann sah ich das Telefon. Ein unscheinbares Ding, gelblich, mit Kabel. Als ich den Hörer abhob und Stimmen hörte, veränderte sich alles. Ich redete. Ich lachte sogar. Die Verzweiflung wich langsam. Es war kein großes Glück, eher Erleichterung, aber sie fühlte sich riesig an.
Ohne Handy aufzuwachen ist ein eigenes Gefühl – wie ein Tag ohne Uhrzeit. Nach dem Frühstück stand ich im Innenhof von Giuliettas Haus. Menschen klebten kleine Botschaften an die Wände, schrieben Liebeserklärungen, Hoffnungen, Wünsche. Der Ort war kitschig – und gleichzeitig tief menschlich. Am Teatro Romano wurde die Stadt still. Die Steinstufen, die über den Fluss blicken, wirken wie eingefrorene Zeit. Ich saß dort, schaute über die Dächer Veronas und spürte eine Art Klarheit, die selten ist, wenn man online ist. Es wurde spät und ich machte mich auf den Weg zum Bahnhof.
Ich saß dort, schaute über die Dächer Veronas und spürte eine Art Klarheit, die selten ist, wenn man online ist.
Schon während der Fahrt zurück nach Bozen, als der Zug gleichmäßig durch die Landschaft schnitt, legte sich lähmende Langeweile über mich. Ich starrte minutenlang auf dieselbe Stelle am Fenster, zählte Masten, Schatten, Sekunden. Die Zeit zog sich. Allein zu sein, machte alles schwerer. Wäre Glenn neben mir gesessen, hätten wir geredet, gelacht, geschwiegen. So aber blieb nur mein eigener Kopf. Irgendwann nahm mir gegenüber ein Student Platz. Er studiert Latein in Padua, er erzählte von von Cicero und Vergil, von Sprachen, die niemand mehr spricht und die trotzdem überlebt haben. Unser Gespräch wurde länger, tiefer. Für einen Moment vergaß ich die Langeweile. Es war, als hätte mir dieser Zufallsmensch einen Anker zugeworfen. Leider musste auch dieser mich in Trient verlassen und ich war wieder alleine.
Um mich zu beschäftigen, lernte ich für meine Deutsch-Schularbeit. Ohne Ablenkung, ohne vibrierendes Handy, ohne digitale Versuchung. Die Konzentration war höher, echter. Ich freute mich auf zu Hause, aber auch auf das erneute Einschalten des Handys. Es war wie das Zurückholen eines alten Teils von mir. Verona hat mir gezeigt, wie intensiv eine Stadt ist, wenn man sie nicht durch ein Display filtert. Ohne Handy beobachtet man mehr, hört genauer hin, geht langsamer, redet häufiger mit Fremden, lernt, Unsicherheit auszuhalten, spürt sich selbst. Offline sein ist mühsamer. Aber auch schöner. Verona war nicht nur eine Reise. Es war ein Spiegel. Eine Erinnerung daran, dass die Welt größer wirkt, wenn man ihr wieder in die Augen schaut, statt auf eine Glasscheibe.
Erst im Rückblick verstand ich, wie sehr diese Reise von Einsamkeit geprägt war. Nicht der Verzicht auf das Handy war das Schwerste, sondern das Alleinsein. Mit Glenn wäre vieles leichter gewesen: das Verlaufen, das Warten, die stillen Momente. Allein wurden sie zu Prüfungen. Ich zweifelte häufiger, schämte mich schneller, fühlte mich verloren, und genau darin lag die eigentliche Erfahrung. Langeweile ist nicht leer. Sie ist laut. Sie konfrontiert einen mit Gedanken, die man sonst wegwischt. In Verona konnte ich ihnen nicht entkommen. Und vielleicht war genau das der Moment, in dem n die Reise ihren Sinn bekam.
GABRIEL-GRÜNER-SCHÜLERPREIS
Das Projekt von ff, Agentur Zeitenspiegel, Pädagogischer Abteilung des Landes und Bildungsausschuss der Gemeinde Mals richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Oberschule (4. Klasse) aus ganz Südtirol. Sie lernen dabei, wie man eine Reportage in Wort und Bild verfasst. In diesem Jahr haben neun Teams eine Reportage erstellt. Den ersten Preis bekam „Wann hört Heimat auf“ von Annalena Gufler und Fabian Pircher.

Glenn Seebacher aus Eppan (17) und Orestis Sparber aus Bozen (ebenfalls 17) besuchen das Realgymnasium in Bozen. Seebacher treibt gerne Sport (Tennis und Ski alpin), Sparber ist in einer Volleyball-Mannschaft aktiv. Der eine will nach der Matura Politikwissenschaften studieren, der andere Medizin (er will Psychiater werden). Seebacher sagt zum Workshop: „Spannend fand ich, wie er unsere sozialen Kompetenzen gefördert hat.“ Sparber meint: „Ich hatte die Möglichkeit, einmal etwas anderes auszuprobieren.“





