Musikschule Meran-Passeier & Scuola di musica „A. Vivaldi“
Wenn der Meraner Thermenplatz im Takt bebt

Beim dritten „School’s Out“-Konzert verwandeln rund 100 Schülerinnen und Schüler der Musikschule Meran-Passeier und der Scuola di musica „A. Vivaldi“ den Platz in eine Bühne zwischen Soul, Rock und Sommerstimmung. Und zeigen dabei, dass Musik manchmal mehr kann als Unterhaltung.
„All you need is just some good fucking music …“
Die Liedzeile kracht aus den Lautsprechern über den Meraner Thermenplatz. Vor der Bühne tanzen Jugendliche, einige stimmen mit ein, Erwachsene klatschen im Takt, andere kennen die nächsten Zeilen bereits, bevor sie überhaupt erklingen. Ein Windstoß fährt durch die Notenblätter auf den Pulten. Über den Musikerinnen und Musikern spannt sich ein dunkler Himmel, während die Bühne im Licht der Scheinwerfer leuchtet.
Als die Zeile von Solence über den Platz hallt, hat sich das Publikum dem Abend längst überlassen.

Rund 100 Schülerinnen und Schüler der Musikschule Meran-Passeier und der Scuola di musica „A. Vivaldi“ gestalten an diesem Abend den Auftakt der Meraner Sommerkonzerte. Was sie auf die Bühne bringen, ist weit mehr als ein Konzert zum Schulschluss. Soul-Klassiker treffen auf Pop-Hymnen, gefühlvolle Balladen auf kraftvolle Rocksongs, Bläsersätze auf Gitarrenriffs. Die stilistischen Sprünge gelingen erstaunlich selbstverständlich.
Dabei beginnt alles deutlich ruhiger.
Eltern, Freunde, Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber sowie Passantinnen und Passantenen verfolgen gespannt die ersten Beiträge. Eröffnet wird der Abend vom Orchester der Scuola di musica „A. Vivaldi“. Mit jedem Stück gewinnen die Arrangements an Dynamik, die Rhythmen werden markanter, der Klang voller. Nach und nach löst sich die anfängliche Zurückhaltung im Publikum.


Einen ersten spürbaren Schub erhält die Stimmung bei Pharell Williams‘ „Happy“. Das Mitklatschen bleibt plötzlich nicht mehr vereinzelt. Immer mehr Hände bewegen sich im gleichen Takt, die ersten Reihen reagieren unmittelbar auf die Musik.
Anschließend übernehmen die fünf Schülerbands. Mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit wechseln sie zwischen Soul, Pop und Rock. Mal treiben Gitarrenriffs das Tempo voran, mal sorgen Bläser für den satten Groove, dann wieder nehmen Gesangsstimmen Lautstärke und Tempo zurück.
Die Jugendlichen spielen Dusty Springfields „Son of a Preacher Man“ mit lässigem Soul-Gefühl, lassen Zuccheros „Baila Morena“ durch den Sommerabend ziehen und wechseln mühelos in rockigere Klangwelten. Nichts wirkt überinszeniert oder geschniegelt. Gerade die kleinen Ecken und Kanten verleihen den Auftritten jene Unmittelbarkeit, die viele Konzerte erst lebendig macht.


Zu den eindrücklichsten Momenten des Abends zählt Bon Jovis „Bad of Roses“. Inzwischen ist die Dämmerung vollständig hereingebrochen. Die hell erleuchtete Bühne hebt sich gegen den Nachthimmel ab, vor ihr wird es für einen Augenblick spürbar ruhiger. Die Ballade entfaltet ihre Wirkung, ehe das Programm wieder an Fahrt aufnimmt.
Zwischen den einzelnen Auftritten bleibt die Bühne kaum leer. Die Jugendlichen moderieren das Programm selbst, kündigen die nächsten Titel an und führen das Publikum durch den Abend. Anfangs sucht manche Ansage noch nach dem richtigen Rhythmus. Mit jedem Auftritt werden die Stimmen jedoch sicherer, die Übergänge flüssiger und die Nervosität unauffälliger. Nicht nur als Musikerinnen und Musiker, auch als Gastgeberinnen und Gastgeber ihres Konzerts wachsen die Jugendlichen sichtbar in ihre Rolle.
Als die ersten Töne von „Can’t Take My Eyes Off You“ erklingen, geschieht das, was sich bei Konzerten nicht planen lässt. Von verschiedenen Stellen des Platzes setzt Gesang ein. Erst zögerlich, dann immer selbstverständlicher. Jugendliche stimmen ein, Eltern ebenso. Irgendwo weiter hinten singt eine Gruppe Passantinnen und Passanten den Refrain mit.
Für einige Minuten verschwindet die Grenze zwischen Bühne und Publikum.



Dass ein solcher Abend nicht zufällig entsteht, zeigt ein Blick hinter die Kulissen. Fast ein gesamtes Unterrichtsjahr lang haben sich die Schülerinnen und Schüler auf diesen Auftritt vorbereitet. Begleitet wurden sie dabei von 18 Lehrpersonen beider Musikschulen. Ob Gesang, Akustik- und E-Gitarre, Keyboard, Brass, Saxophon oder Drums und Percussion: Über Monate hinweg wurde geprobt, arrangiert und an Details gefeilt.
Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Christian Kofler, Lehrer an der Musikschule Meran-Passeier. Während des Konzerts verfolgen einige Lehrpersonen das Geschehen aufmerksam vom Bühnenrand aus. Ein kurzer Blick, ein Nicken oder ein aufmunterndes Zeichen genügt oft. Im Mittelpunkt stehen jedoch die Jugendlichen, die an diesem Abend zeigen, was sie gemeinsam erarbeitet haben.



Dass ein Projekt dieser Größenordnung möglich wird, liegt auch an der engen Kooperation der beiden Musikschulen mit der Gemeinde Meran. „Die Zusammenarbeit lebt von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung. Gerade dieser Synergieeffekt verleiht dem Projekt eine besondere Strahlkraft“, sagt Alexander Veit, Direktor der Musikschule Meran-Passeier. Musik werde dabei zur gemeinsamen Sprache, die Verbindungen schaffe und Menschen zusammenbringe.
An diesem Abend lässt sich beobachten, was damit gemeint ist.
Für Bildungsdirektor Gustav Tschenett ist das Konzert Ausdruck der hohen Qualität der musikalischen Ausbildung in Südtirol. Die Jugendlichen würden von den Lehrpersonen beider Musikschulen nicht nur musikalisch begleitet, sondern auch dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten und über sich hinauszuwachsen. Tschenett betont: „Die Begeisterung, die an diesem Abend spürbar ist, entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis engagierter pädagogischer Arbeit und einer Ausbildung auf hohem Niveau.“

Am Ende ist der Platz längst dort angekommen, wo ihn die Musik haben wollte. Es wird gepfiffen, gejubelt und applaudiert. Die Zugabe gehört fast schon zum Pflichtprogramm. Noch lange nach dem letzten Ton bleiben Jugendliche, Eltern, Verwandte, Freunde sowie Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber vor der Bühne stehen.
Und während sich schließlich doch der Platz langsam leert, bleibt eine Zeile im Kopf, die zuvor wie eine lässige Rock-Pose geklungen hatte:
„All you need is just some good fucking music …“.
An diesem Abend traf sie den Nerv des Publikums.




