Interview über DigiKids Vinschgau

Digitale Medien: Orientierung für die ersten Lebensjahre 

Freitag, 22.5.2026

Smartphones und Tablets gehören längst zum Familienalltag – oft schon bei den Kleinsten. Das Projekt DigiKids Vinschgau setzt genau hier an und will Fachkräfte und Eltern für einen bewussten Umgang sensibilisieren. Kernstück sind neue Informationsflyer für Familien mit Kindern von 0 bis 6 Jahren. Sylvia Baumgartner und Evi Brugger vom Kindergartensprengel Schlanders erklären im Interview, wie diese entstanden sind und welche Orientierung sie bieten. 

Digitale Medien sind aus dem Alltag vieler Familien nicht mehr wegzudenken – und begegnen Kindern immer früher. Umso wichtiger wird die Frage, wie ein gesunder und altersgerechter Umgang gelingen kann. Genau hier setzt das Projekt DigiKids Vinschgau an: In einem mehrjährigen Prozess wurden gemeinsam mit dem Forum Prävention und dem landesweiten Netzwerk Eltern-medienfit Informationsmaterialien entwickelt, die Eltern und Fachkräften Orientierung bieten sollen. 

Im Mittelpunkt stehen zwei Flyer für Familien mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren sowie von 3 bis 6 Jahren. Sie bündeln zentrale Empfehlungen für die ersten Lebensjahre – von möglichst medienfreien Zeiten im Alter von 0 bis 3 Jahren bis hin zu einem bewussten, begleiteten Einsatz von Bildschirmmedien bei Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren. Dabei geht es nicht um Verbote, sondern um Sensibilisierung: Bewegung, soziale Kontakte und das Entdecken der Welt mit allen Sinnen sollen im Zentrum stehen. 

Initiiert wurde das Projekt vom Kindergartensprengel Schlanders und von den Sozialdiensten der Bezirksgemeinschaft Vinschgau im Bereich Kinder und Jugendliche. Die Kindergartendirektorin Sylvia Baumgartner und ihre Mitarbeiterin Evi Brugger haben DigiKids Vinschgau maßgeblich mitentwickelt und in Zusammenarbeit mit dem Forum Prävention vorangetrieben. Interessierte können die Flyer kostenlos online unter www.eltern-medienfit.bz herunterladen. Im Interview sprechen die beiden darüber, wie das Projekt aufgebaut ist, warum die Arbeit bei der eigenen Haltung beginnt – und was Eltern konkret aus den Flyern mitnehmen können. 

INFO: Was war der Ausgangspunkt für das Projekt DigiKids? 

Sylvia Baumgartner: Der Ausgangspunkt waren ganz konkrete Beobachtungen im Alltag. Wir haben beobachtet, wie präsent Handys in Familien sind – beispielsweise auf dem Weg zum Kindergarten, beim Bringen und Abholen, im Gespräch zwischen Eltern. Oft bekommen Kinder das Handy in die Hand, damit es „einfacher geht“. Eines ist klar: Verbieten ist keine Lösung. Aber wir müssen sensibilisieren. Wie können wir etwa den Fußweg zum Kindergarten wieder bewusst als Kinderzeit gestalten? Daraus ist die Idee entstanden. 

Evi Brugger: Diese Beobachtungen haben nicht nur wir im Kindergarten gemacht. Auch Fachkräfte in anderen Diensten haben dies bestätigt. Und so war schnell klar: Das ist kein Einzelphänomen, sondern betrifft viele Familien. Genau deshalb wollten wir das Thema breiter angehen. 

Evi Brugger und Sylvia Baumgartner

Wie ist das Projekt aufgebaut worden? 

Evi Brugger: Das Projekt war von Anfang an auf drei Jahre angelegt, von 2024 bis 2026. Wir haben uns vorgenommen, auf mehreren Ebenen zu arbeiten. Die erste Zielgruppe waren die Fachkräfte – also pädagogische Fachkräfte im Kindergarten, aber auch in den Sozialdiensten, im psychologischen Dienst und andere Einrichtungen, die mit Familien mit Kindern von 0 bis 6 Jahren arbeiten (zum Beispiel Elki). 

Die zweite Säule waren die Familien, die wir unbedingt miteinbeziehen wollten. Daraus sind letztlich die Flyer entstanden. Auf einer dritten Ebene arbeitete jeder Fachdienst intern an der Frage: Wie gehen wir selbst mit digitalen Medien um, wie fördern wir Medienkompetenz im Alltag? 

Sylvia Baumgartner: 
Wichtig war uns,  alle Ebenen mitzudenken. Es bringt wenig, nur bei den Kindern oder nur bei den Eltern anzusetzen – wir müssen das als gemeinsames Thema verstehen. 
 
Welche Rolle spielte das Forum Prävention im Prozess? 

Evi Brugger: Das Forum Prävention hat den gesamten Prozess begleitet und moderiert. Wir haben im Vinschgau eine Arbeitsgruppe aufgebaut, mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kindergärten, Sozialdiensten, psychologischem Dienst und Elki. Als Arbeitsgruppe haben wir uns drei Mal im Jahr getroffen. Zwischen den Treffen wurden Inhalte ausgearbeitet und wieder in die Gruppe zurückgespielt. 
So sind Schritt für Schritt eine Handreichung für Fachkräfte mit Basiswissen zu digitalen Medien im Kleinkindalter sowie später Flyer für Eltern entstanden. Ein großer Vorteil war, dass die Materialien beim Forum Prävention liegen und so landesweit verbreitet werden können. 

Sylvia Baumgartner: Dadurch konnten wir das Thema auch über den Vinschgau hinaus tragen. Denn etwas wurde uns im Laufe des Prozesses ebenfalls klar: Das betrifft ganz Südtirol. 
 
Was stand am Anfang – und wie ist daraus der Flyer entstanden? 

Evi Brugger: Am Anfang stand ganz klar die Arbeit an der Haltung. Beim Thema digitale Medien hat jeder sofort eine eigene Meinung. Aber als Fachkräfte brauchen wir eine gemeinsame, professionelle Haltung. Wir haben uns gefragt: Welche Informationen sind gesichert? Was können wir Eltern überhaupt sagen? 

Daraus ist zuerst eine Handreichung für Fachkräfte entstanden – als Basiswissen. Und erst danach die Flyer für Eltern, die diese Inhalte einfach und alltagsnah weitergeben. 

Die zentrale Botschaft ist: Wir können alle dafür sorgen, dass Kinder gesund in einer digitalen Welt aufwachsen.

Was ist die zentrale Botschaft der Flyer? 

Evi Brugger: Die zentrale Botschaft ist: Wir können alle dafür sorgen, dass Kinder gesund in einer digitalen Welt aufwachsen. Für Kinder von 0 bis 3 Jahren bedeutet das vor allem Zuwendung, Bewegung, freies Spiel, Ruhe und Schlaf – und möglichst keine oder nur sehr eingeschränkte Mediennutzung. 
Für Kinder von 3 bis 6 Jahren geht es darum, Medien sehr reduziert und immer in Begleitung zu nutzen. Gleichzeitig stehen analoge Aktivitäten im Mittelpunkt – gemeinsam essen, spielen, lesen, draußen sein. 

Sylvia Baumgartner: Es geht darum, Medien bewusst einzuordnen und Medienkompetenz zu erweitern.  
 
Wie wichtig ist die Vorbildrolle der Eltern? 

Sylvia Baumgartner: Sie ist zentral. Kinder orientieren sich an dem, was Erwachsene tun. Oft sehen wir, dass Regeln erst entstehen, wenn das Kind ein eigenes digitales Gerät hat. Aber eigentlich beginnt Medienerziehung viel früher – bei den Eltern selbst. Es geht um Bewusstsein: Bin ich wirklich präsent beim Kind? Oder ist ständig ein Gerät dazwischen? 

Wie realistisch sind die Empfehlungen – etwa kein Handy unter drei Jahren? 

Evi Brugger: Natürlich wissen wir, dass das im Alltag herausfordernd ist. Aber gerade in den ersten Lebensjahren werden wichtige Grundlagen gelegt – etwa für Sprache, Konzentration, Bindung und Beziehung. Wir sehen bei Kindern im Kindergarten große Unterschiede, zum Beispiel in der Sprachentwicklung. Woran das genau liegt, ist nicht eindeutig belegt. Eines wissen wir aber: dass direkte Interaktion den Aufbau von Sprache bei Kindern positiv beeinflusst.  
 
Wie wurden die Flyer von Eltern bisher aufgenommen? 

Sylvia Baumgartner: Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Viele Eltern haben gesagt: Es war hilfreich – gerade weil es nicht um Verbote geht. Es geht nicht darum, alles richtig oder falsch zu machen, sondern darum, bewusster hinzuschauen. Auch die Möglichkeit, sich beispielsweise bei Elternabenden weiter zu informieren oder Fragen zu stellen, wurde gut genutzt. 

Evi Brugger: Das zeigt, dass der Bedarf da ist. 

Der Umgang mit digitalen Medien ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Projekt? 

Evi Brugger: Das Projekt in dieser Form ist abgeschlossen, aber wir bleiben dran. Wir werden uns weiterhin als Arbeitsgruppe treffen und schauen, was es braucht. Geplant sind weitere Fortbildungen, Elternabende und auch Beiträge in lokalen Medien. Ziel ist es, die Inhalte nachhaltig zu verankern. 

Was ist Ihnen zum Schluss besonders wichtig? 

Evi Brugger:  Der Umgang mit digitalen Medien ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es betrifft Familien, Bildungseinrichtungen, Politik – eigentlich alle. Deshalb ist es wichtig, sich zu vernetzen und gemeinsam daran zu arbeiten. 

Sylvia Baumgartner: Nur wenn alle zusammenarbeiten, kann hier wirklich etwas entstehen. 

INFO Redaktion

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