Gast-Essay
Wozu Schule da ist, wenn Maschinen denken lernen

Welche Aufgaben bleiben der Schule, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist und künstliche Intelligenz vieles schneller erledigt? Christoph Stragenegg, Direktor des Vinzentinums in Brixen, zeigt, warum Bildung mehr bedeutet als Wissensvermittlung – und weshalb Beziehung, Urteilskraft, Sprache und Gemeinschaft unverzichtbar bleiben.
Ist es sinnvoll, jungen Menschen Dinge beizubringen, die künstliche Intelligenz bereits heute schneller und besser erledigen kann, als es ein Mensch je könnte? Braucht es Schule noch, wenn nahezu das gesamte Wissen jederzeit digital verfügbar und didaktisch aufbereitet im Netz zugänglich ist? Und wenn ja: Was müssen junge Menschen dort lernen, um auf eine Welt vorbereitet zu sein, die sich immer schneller und tiefgreifender verändert?
Angesichts der rasanten Digitalisierung und KI-Durchdringung aller Lebensbereiche kommt Schule nicht umhin, sich diesen Fragen zu stellen und darauf tragfähige Antworten zu suchen. Die folgenden Überlegungen laden zum Weiterdenken ein:
Lernen braucht Beziehung
Die Erfahrungen der Corona-Zeit haben unmissverständlich gezeigt: Didaktisch noch so ausgefeilte Lernvideos und digitale Tutorials reichen nicht aus. Selbst für kognitives Lernen benötigen junge Menschen Resonanz: Gemeinschaft, Austausch, Rückmeldung und das gemeinsame Ringen um Verständnis. Nachhaltiges und motiviertes Lernen findet dort statt, wo sich Schülerinnen und Schüler ernst genommen fühlen und von realen Lehrpersonen begleitet, gefordert und ermutigt werden.
Die Rolle der Lehrenden und ihre Vorbildwirkung bleiben weiterhin zentral für das Gelingen ganzheitlicher Bildung.
Auch künftig werden selbst die besten digitalen Lernmaterialien weder das gemeinsame Lernen im Klassenzimmer noch die persönliche Begleitung durch engagierte und begeisterungsfähige Lehrpersonen ersetzen können – sie werden diese höchstens sinnvoll ergänzen. Die Rolle der Lehrenden und ihre Vorbildwirkung bleiben weiterhin zentral für das Gelingen ganzheitlicher Bildung. Eine Gesellschaft, der ihre Zukunft ernst ist, muss daher alles daransetzen, für diese Kernaufgabe ihre besten Köpfe zu gewinnen und sie zu halten: durch hohe Ausbildungsstandards, leistungsgerechte Entlohnung und eine Kultur echter, gelebter Wertschätzung.
Schule muss lehren, was nur Schule lehren kann
Schule ist nicht der einzige Lernort junger Menschen. Sie lernen auch außerhalb des Unterrichtes viel und finden dafür in ihrer Lebenswelt immer mehr Angebote und Möglichkeiten – oft schon zu viele. Sie alle beanspruchen Zeit, Energie und Aufmerksamkeit und so bleibt für schulisches Lernen nur mehr ein Teil davon übrig.
Schule kann und muss deshalb nicht alles anbieten und darf sich nicht in zu viele Sonderprojekte und Initiativen verlieren. Es gilt vielmehr, sich auf den Kernauftrag zu besinnen und vor allem dem Raum zu geben, was junge Menschen ausschließlich in Schulen lernen können.
Maßstab für die Auswahl der Inhalte und die Gestaltung des Unterrichts muss dabei nicht in erster Linie das sein, was Schülerinnen und Schüler spontan interessiert oder ihnen leichtfällt. Schule hat vielmehr die Aufgabe, sie mit Lerninhalten und Herausforderungen zu konfrontieren, die ihnen bis dahin oft unbekannt waren, aber vielleicht neue Interessen und Fähigkeiten wecken können, die Anleitung erfordern, oft Anstrengung verlangen, womöglich nicht immer gleich Freude machen, aber langfristig Genugtuung, Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit spüren lassen. Dafür gilt es junge Menschen zu begeistern, ihre innere Motivation zu wecken und sie dann in die Selbständigkeit zu begleiten.
Geistige Fitness entsteht nicht von selbst
Wie körperliche Muskeln erschlaffen, wenn sie nicht gebraucht werden, verkümmern auch geistige Fähigkeiten ohne Training. Geistiges Üben folgt dabei denselben Regeln wie körperliches: Es braucht kompetente Anleitung durch erfahrene „Trainerinnen und Trainer“, rhythmische Regelmäßigkeit und Durchhaltevermögen. Dieses Training ist oft mühsam, selten spektakulär und nicht immer lustvoll; es verlangt Konzentration, Disziplin und Biss – und gelingt im gemeinsamen Üben leichter als allein.
Zu trainieren gilt es dabei vor allem eines: die Fähigkeit, zu denken und zu urteilen: klar, differenziert, präzise, beweglich und vernetzt.
Schulen müssen diesem anspruchsvollen Üben wieder mehr Raum geben und sich neu als „Gymnasien“ im ursprünglichen Sinn verstehen: als Trainingsstätten für Geist und Charakter.
Zu trainieren gilt es dabei vor allem eines: die Fähigkeit, zu denken und zu urteilen: klar, differenziert, präzise, beweglich und vernetzt. Diese geistige Wendigkeit lässt sich mit unterschiedlichen Inhalten und auf vielfältige Weise fördern – entscheidend ist, dass sie regelmäßig und nicht nur punktuell oder beiläufig geübt und gefestigt wird.
Denkfit wird, wer sprachfit ist
Wer junge Menschen denkfit machen will, muss sie zunächst sprachfit machen. Denn Denken ohne Sprache gibt es nicht. Sprache ist das Medium des Denkens und die Voraussetzung, um Ideen, Gefühle und Perspektiven zu erfassen und zu kommunizieren. Wer sprachlich arm ist, bleibt auch gedanklich begrenzt.
Je differenzierter das sprachliche Repertoire eines Menschen ist, desto feiner kann er wahrnehmen, unterscheiden, urteilen. Wer verständlich und überzeugend formulieren, präzise argumentieren und treffend sprechen kann, verfügt in einer Kommunikationsgesellschaft über entscheidende Vorteile.
Sprachbildung im umfassenden Sinn und Rhetorik als Schule des Argumentierens müssen daher weiterhin einen festen und zentralen Platz im schulischen Lernen haben. Als Gegenpol zu sprachlicher Verrohung und Verarmung darf Schule keine Mühe scheuen, Ausdrucksfähigkeit, Sprachsensibilität und Sprachreflexion konsequent zu fördern: den bewussten Umgang mit Worten, das Nachdenken über ihre Wirkung und die Fähigkeit, sich situationsangemessen auszudrücken.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das Studium der klassischen Sprachen neue Aktualität, weil es mit seinem sprachreflektierenden Fokus Sprachbewusstsein, Sprachgefühl und Sprachpräzision umfassend trainiert.
Selbsterkenntnis als Entscheidungshilfe
Die Lebenswelt junger Menschen wird durch digitale Vernetzung, Mobilität und Migration zunehmend pluraler, globaler und multikultureller. Orientierungshilfen, feste Vorgaben und gesellschaftlicher Konsens nehmen ab, Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsdruck zu.
Schule hat deshalb die wichtige Aufgabe, junge Menschen so zu begleiten, dass sie lernen, aus einer Fülle von Möglichkeiten auszuwählen, Entscheidungen zu treffen, sich Ziele zu setzen und für ihr Handeln Verantwortung zu übernehmen.
Schule muss ein geschützter Raum bleiben, in dem sich Heranwachsende vielfältig und möglichst angstfrei erproben können und auch einmal scheitern dürfen.
Um auswählen und entscheiden zu können, muss ich wissen, wer ich bin, was ich will und was ich nicht will. Ich muss mich selbst kennen, ein gesundes Selbstbewusstsein haben und mir etwas zutrauen.
Schule muss daher ein geschützter Raum bleiben, in dem sich Heranwachsende vielfältig und möglichst angstfrei erproben können und auch einmal scheitern dürfen. Im Erproben von Neuem und Unbekanntem lernen sie sich selbst besser kennen, sie entdecken ihre Interessen und Talente, sie erleben sich als wirksam und entwickeln Vertrauen in die eigene Gestaltungsfähigkeit.
Der Wert der Rückschau im Wirbel der Gegenwart
In einer Gegenwart, die vom Aktuellen und Vordergründigen dominiert wird, versucht Schule, junge Menschen durch Rückschau weitsichtig zu machen. Denn wer geschichtsvergessen ist, kann keine tragfähigen Entscheidungen für die Zukunft treffen.
Die Auseinandersetzung mit der Kultur- und Geistesgeschichte macht jungen Leuten bewusst, dass wir – in den Worten Bernhards von Chartres – „Zwerge auf den Schultern von Giganten“ sind und dass sich vieles im Lauf der Geschichte in gewandelter Form wiederholt. Die Rückschau erweitert den Horizont, schärft den Sinn für Zusammenhänge und ermöglicht es, gegenwärtige ebenso wie zukünftige Entwicklungen besser zu verstehen und einzuordnen. So eröffnet sie Orientierung und erleichtert es, reflektierte und nachhaltige Lösungen zu finden.
Die Beschäftigung mit Religion, Philosophie, Literatur, Kunst und Musik hilft Jugendlichen zu verstehen, was Kultur ist, wie sie sich ausdrückt und wie sie menschliches Denken, Handeln und Urteilen prägt. Sie sensibilisiert für die grundlegenden Fragen des Lebens, vermittelt Halt und fördert kulturelle Offenheit – eine Schlüsselkompetenz in einer globalisierten Welt. Indem junge Menschen sich ihrer eigenen Wurzeln bewusst werden, lernen sie zugleich, dem Anderen und Fremden offen, neugierig und angstfrei zu begegnen.
Schule als Oase der Sammlung in einer lauten Welt
Junge Menschen wachsen mit der Herausforderung einer permanenten Reizüberflutung auf. Dauerberieselung durch soziale Medien, ständige Erreichbarkeit, Informationsflut und Leistungsdruck lassen kaum Raum für Stille, Sammlung und Reflexion.
Auch hier kann Schule bewusst einen Gegenraum schaffen – einen Raum, der junge Leute vor dieser Dauerbeschallung schützt, Entschleunigung ermöglicht und zur inneren Sammlung führt. Innehalten, in sich gehen, abschalten, nachdenken und nachspüren sind Fähigkeiten, die Jugendliche nicht von selbst erwerben, sondern gezielt erlernen und einüben müssen.
Wir tun fast alles entweder zu viel oder zu wenig – und nur selten im rechten Maß.
Unser Gehirn braucht Ruhephasen, um kreativ werden zu können. Nur in Zeiten der Sammlung lassen sich Erfahrungen verarbeiten, Gedanken ordnen und neue Ideen anstoßen. Muße ist daher keine Luxuserscheinung, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung für Reflexion, Spiritualität und künstlerisches Schaffen.
Schon die Antike wusste um die Bedeutung solcher Freiräume. Die Römer bezeichneten die schöpferische, selbstbestimmte Zeit bewusst als otium und stellten sie ins Zentrum menschlicher Entfaltung. Das von äußeren Notwendigkeiten bestimmte Tätigsein nannten sie entsprechend neg-otium – die Nicht-Muße. Auch die christliche Tradition denkt Leben in diesem Spannungsfeld: actio und contemplatio gehören als zwei Seiten einer Medaille untrennbar zusammen.
Die Kunst des Maßhaltens
Oft wird uns Maßlosigkeit als Maß aller Dinge vermittelt. Exzessives Verhalten und polarisierende Einstellungen scheinen ebenso wie emotionale und ideologische Extreme die neue Norm zu sein. Wir tun fast alles entweder zu viel oder zu wenig – und nur selten im rechten Maß.
Schule kann auch hier entgegensteuern und jungen Menschen ein Gespür für Ausgewogenheit vermitteln. Maß zu halten, den Weg der Mitte zu gehen, Über- und Untertreibungen zu vermeiden, sich vor Extrempositionen zu schützen, abzuwägen und auszugleichen, nicht alles auf eine Karte zu setzen – all dies wird zu einem immer wichtigeren Bildungsziel.
Nicht von ungefähr liegt nach Aristoteles jede Tugend in der Mitte zwischen zwei Extremen. Und schon vor ihm prägten das vorsokratische „Μηδὲν ἄγαν“ (Nichts im Übermaß) und „ἄριστον μέτρον“ (Das Maß ist das Beste) das griechische Denken.
Maßhalten setzt voraus, dass ich bewusst auswählen, mich beschränken und auf manches verzichten kann, dass ich fähig bin, auch einmal streng mit mir zu sein und nicht jedem Impuls nachzugeben. Auch dieses Vermögen lernen junge Menschen nicht von selbst – schon gar nicht in einer Welt nahezu unbegrenzter Möglichkeiten. Es muss von klein auf eingeübt werden, damit man später darauf zurückgreifen kann. Denn „ungebundene Geister“ werden – wie Goethe in seinem Gedicht „Natur und Kunst“ so treffend formuliert – „vergebens nach der Vollendung reiner Höhe streben. Wer Großes will, muss sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“
Schule muss Mut machen
Eine zukunftsorientierte Gesellschaft braucht mutige und couragierte Persönlichkeiten, die mit Zuversicht in die Zukunft blicken und Herausforderungen mit überlegter Entschlossenheit angehen.
Weitsichtige und einfühlsame Pädagoginnen und Pädagogen verstehen es, Heranwachsende von klein auf zu ermutigen, auch einmal etwas zu riskieren, vertraute Pfade zu verlassen, Neues wie Unkonventionelles auszuprobieren. Sie fördern Einsatzbereitschaft, Frustrationstoleranz und Widerstandskraft und wirken bequemem und mutlosem Verhalten entgegen.
Der Mensch braucht die Beziehung zu anderen Menschen, um sein eigenes Potential entfalten zu können, und wird – mit Martin Buber gesprochen – erst am Du zum Ich.
In einer Welt, in der schwerfällige Strukturen, wachsende Ängstlichkeit, ein übermäßiges Absicherungsbedürfnis, passive Teilnahmslosigkeit und bequeme Gleichgültigkeit vieles lähmen, darf Schule nichts unversucht lassen, um Wagemut, Eigeninitiative und beherztes Handeln zu wecken und zu nähren.
Mutig handeln kann nur, wer zuversichtlich ist, sich etwas zutraut und bereit ist, gegebenenfalls auch zu scheitern. Vor diesem Hintergrund gewinnt religiös-spirituelle Sinnstiftung auch im schulischen Kontext eine neue Bedeutung. Nichts hilft gegen Angst mehr als Vertrauen und dieses wächst in dem Maß, wie ich mich getragen, angenommen und wertgeschätzt erlebe und rückgebunden (re-ligare) weiß an einen Gott, der es gut mit mir meint und mich durch alle Höhen und Tiefen meines Lebens fürsorglich begleitet.
Soziale Stärke wächst in Gemeinschaft
Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, ein ζῷον πολιτικόν (zóon politikón), wie ihn Aristoteles beschreibt. Er braucht die Beziehung zu anderen Menschen, um sein eigenes Potential entfalten zu können, und wird – mit Martin Buber gesprochen – erst am Du zum Ich. Gemeinschaftsfähig und beziehungsbedürftig zu sein gehört zum Wesen des Menschen und unterscheidet ihn zugleich von allen noch so intelligenten Maschinen.
Soziale Haltungen, Werteempfinden und zwischenmenschliche Kompetenzen kann man nicht theoretisch vermitteln und sich auch nicht im Alleingang beibringen. Menschen erlernen sie in sozialen Gefügen, indem sie mit anderen zusammen sind und andere Menschen ihnen diese Haltungen und Werte vorleben.
In Schulen erwerben junge Menschen – schon allein durch das Zusammentreffen mit anderen und noch mehr durch die Anleitung und das Vorbild ihrer Lehrerinnen und Lehrer – vieles, was für ein gelingendes Miteinander unverzichtbar ist: Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis, den reflektierten Umgang mit eigenen und fremden Emotionen, Integrationsfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Streit- und Kritikfähigkeit, Toleranz, Rücksichtnahme, Flexibilität, Verlässlichkeit und nicht zuletzt auch Anstand und Rückgrat.
Gerade in einer Zeit, in der zwischenmenschliche Bindungen zunehmend fragil werden, soziale Lerngelegenheiten in den Familien abnehmen, der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet und Vereinsamung zunimmt, wird Schule als Ort der Gemeinschaftserfahrung und des sozialen Lernens neu wichtig.
Denn eines ist sicher: Die Arbeit mit und für Menschen – und alle damit verbundenen Berufsfelder – wird uns selbst die intelligenteste und am stärksten automatisierte Technik nicht abnehmen können. Dafür werden wir weiterhin stabile, beziehungsfähige und sozial kompetente Menschen brauchen, die von klein auf gelernt haben, mit anderen zu kooperieren – und die in ihren Schulen spüren und erleben konnten, dass es auf sie ankommt.
Orientierung im Wissensozean
Durch die Digitalisierung ist Wissen nicht nur unbegrenzt verfügbar, es wächst auch mit atemberaubender Geschwindigkeit und verändert oder überholt sich immer schneller.
In der Schule gilt es, junge Menschen darauf vorzubereiten, sich in diesem ständig wachsenden Wissensraum sicher zu bewegen und ihn effizient zu nutzen. Qualifizierte Lehrpersonen müssen ihnen dafür Methoden und Techniken vermitteln, mit denen sie benötigte Informationen schnell finden, Quellen kritisch prüfen, Fakten von Meinungen unterscheiden sowie Informationen hinsichtlich ihrer Relevanz und Validität bewerten können.
KI kann uns mühsame Arbeiten abnehmen und wertvolle Freiräume schaffen; sie kann uns aber auch dazu verleiten, Denkarbeit und Verantwortung vorschnell an Maschinen zu delegieren.
Permanenter Wandel erfordert, ein Leben lang zu lernen – Neues zu lernen, umzulernen, Veraltetes auch zu ver-lernen. Zu erkennen, wie man am besten lernt, und das eigene Lernen zu trainieren, gehört mit zum Wichtigsten, was junge Leute sich während ihrer Schulzeit aneignen sollen.
Lehrpersonen sind dabei nicht mehr nur Wissensvermittler, sondern Weg- und Lernbegleiter: Sie machen Jugendliche mit unterschiedlichen Lerntechniken und Strategien vertraut und leiten sie dazu an, ihr Lernen zu planen, zu organisieren und zu reflektieren. Auf diese Weise stärken sie deren Fähigkeit, sich dauerhaft selbstständig und kompetent neues Wissen anzueignen.
Technologie nutzen – Autonomie bewahren
Mit der künstlichen Intelligenz stehen uns heute nicht nur Technologien zur Verfügung, um Wissen zu speichern und zu verbreiten, wir haben nun auch hochkomplexe Systeme, die Informationen in kürzester Zeit eigenständig suchen, bündeln und in vielfältiger Weise hervorragend aufbereiten können.
Wie jede technische Errungenschaft ist auch die künstliche Intelligenz Chance und Gefahr zugleich. Sie kann uns mühsame Arbeiten abnehmen und wertvolle Freiräume schaffen; sie kann uns aber auch dazu verleiten, Denkarbeit und Verantwortung vorschnell an Maschinen zu delegieren – und damit ein Stück Autonomie aufzugeben und in eine neue Form freiwilliger Unmündigkeit zu geraten.
Schule darf sich diesen Technologien nicht verschließen. Sie muss junge Menschen befähigen, kompetent und verantwortungsvoll mit KI und digitalen Werkzeugen umzugehen und diese zielgerichtet und effizient zur Unterstützung der eigenen Lern- und Arbeitsprozesse einzusetzen – ohne von ihnen abhängig zu werden.
Gleichzeitig soll Schule ein Ort sein, wo junge Leute erfahren und lernen, dass es trotz aller technologischen Möglichkeiten unverzichtbar bleibt, sich Wissen und Fähigkeiten selbst anzueignen. Wer alles der KI überlässt, läuft Gefahr, unselbstständig und abhängig zu werden. Denn: Wer etwas beherrscht, kann es delegieren. Wer es nicht beherrscht, muss es delegieren – und macht sich damit unfrei.
Der humanistische Bildungsauftrag rückt wieder stärker ins Zentrum: Horizonte erweitern, Neugier wecken, Verständnis fördern, Talente freilegen, Persönlichkeit formen.
Angesichts der rasanten Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz sind gerade Heranwachsende deshalb gut beraten, sich von Immanuel Kant wieder neu zurufen zu lassen: „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, damit der seit der Aufklärung konsequent begangene und mühsam errungene „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ nicht umschlägt in ein neues freiwilliges Hineinschlittern in die Abhängigkeit.
Wo KI endet, beginnt Bildung
Künstliche Intelligenz macht Schule nicht überflüssig; sie stellt jedoch ein utilitaristisches Verständnis von Schule grundlegend infrage. Wer von schulischer Bildung vor allem unmittelbar verwertbares Wissen erwartet und jede Aktivität danach beurteilt, wie praktikabel und nützlich sie für den Alltag ist, wird feststellen müssen, dass viele Inhalte, die bislang als „nützlich“ galten, durch KI einen Großteil ihrer Zweckdienlichkeit verlieren und mittlerweile nahezu jedes Unterrichtsfach seine Sinnhaftigkeit rechtfertigen muss. Ebenso geraten alle Versuche, Bildung zu instrumentalisieren und bloß auf Ausbildung zu reduzieren, im Zeitalter der KI ins Wanken.
Stattdessen rückt der humanistische Bildungsauftrag wieder stärker ins Zentrum: Horizonte erweitern, Neugier wecken, Verständnis fördern, Talente freilegen, Persönlichkeit formen.
Wilhelm von Humboldts Postulat einer zweckfreien Bildung, die junge Menschen zu autonomen, weltoffenen, kulturbewussten und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten heranreifen lässt, gewinnt somit wieder neue Aktualität und wird noch einleuchtender und zeitgemäßer als je zuvor.
Und so paradox es auch klingen mag: Es ist die KI – eine der fundamentalsten technologischen Errungenschaften der Gegenwart –, die das klassisch-humanistische Bildungsideal neu untermauert und seinen zeitlosen Wert wieder klarer sichtbar macht.





