„Getun, wos zu tian wor“

Sie ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, der Zweite Weltkrieg hat sie geprägt. Uroma Anna erinnert sich an eine Zeit, die heute unwirklich erscheint. Eine Reportage von Nathalie Baumgartner (Urenkelin) und Claudia Grossgasteiger für den Gabriel-Grüner-Schülerpreis.
Text und Fotos: Nathalie Baumgartner (Urenkelin) und Claudia Grossgasteiger
Wenn ich sie besuche, beginnt das Erzählen fast unmerklich. Es ist kein bewusstes „Jetzt erzähle ich dir mein Leben“, sondern die Sätze fallen nebenbei, während sie aus dem Fenster schaut oder langsam ihre Hände faltet. Meine Uroma ist 93, sie hat immer in Südtirol gelebt. In dieser Zeit hat sie erlebt, wie sich ihre Heimat völlig verändert hat und eine bäuerliche Welt langsam modern wurde. Geschichte bestand für sie aus Tagen, die man überstehen, aus Arbeit, die getan werden musste, und aus Momenten, die sich einprägten, ohne dass man damals wusste, wie wichtig sie einmal sein würden.
Anna wurde am 23. Juli 1932 in Feldthurns auf einem Bauernhof geboren. „Es war viel Arbeit“, sagt sie. Mehr nicht. In diesem einen Satz liegt ihr Leben, eine Welt, in der Arbeit selbstverständlich war und in der niemand fragte, ob etwas gerecht oder ungerecht ist.
Der Hof war keine Idylle, wie man sie auf Ansichtskarten manchmal sieht. Er war ein Arbeitsplatz, ein Lebensraum, eine Verpflichtung. Schon als kleines Mädchen war meine Uroma Teil davon. Kühe melken, Ziegen füttern, Wasser vom Brunnen holen, Kartoffeln ernten, im Haushalt helfen – alles gehörte zum Alltag. Spielen gab es höchstens nebenbei, in kurzen Momenten zwischen zwei Aufgaben, aber wenn, dann richtig.
„Mir worn friehr olm draußn, net so wia die heintige Jugend, de lei meahr ban Handy zurn sitzt“, erzählt sie. Kindheit bedeutete damals Verantwortung. Jeder und jede wurde gebraucht. „Man hot holt getun, wos zu tian wor“, sagt sie oft.

Gufidaun. Ein Foto von sich wollte sie nicht machen lassen:
„So wichtig bin ich nicht, dass man mich in der Zeitung sieht.“
Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Man tat, was notwendig war. Und genau diese Selbstverständlichkeit unterscheidet ihre Generation so stark von meiner eigenen.
Wenn ich an meine Kindheit denke, wird mir dieser Unterschied besonders bewusst. Ich durfte ausprobieren, durfte Fehler machen, durfte mich umentscheiden bei der Wahl der Schule, der Arbeit oder meinen Freizeitbeschäftigungen. Meine Uroma durfte das nicht. Trotzdem schwingt in ihren Erzählungen keine Bitterkeit mit. Eher eine ruhige Akzeptanz. So war es eben.
Als der Zweite Weltkrieg begann, war sie sieben Jahre alt. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind einzelne Bilder, die sich tief eingeprägt haben. Das Heulen der Sirenen, das plötzlich alles andere übertönte. Das schnelle Zusammenlaufen der Familie. Der Weg in den Luftschutzkeller. Das Warten. Immer wieder das Warten.
Besonders oft erwähnt sie die Albeinser Brücke. „De hobn sie oft bombardiert“, erzählt sie, „obr getroffen hobn sie se selten.“ Die Bomben fielen in der Nähe, nahe genug, um die Erde erzittern zu lassen, nahe genug, um Angst zu machen. Als Kind verstand sie nicht alles, aber sie spürte die Anspannung der Erwachsenen. Sie wusste, dass etwas nicht stimmte, auch wenn niemand es laut sagte.
Angst, sagt sie, habe sie nicht ständig gehabt. „Fir sel hot man koane Zeit kop.“ Dieser Satz wirkt heute fast fremd. Angst war ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte. Viel schwerer wog der Mangel. Die Familie war arm, Geld war kaum vorhanden. Der Krieg machte alles noch knapper. Essen wurde zur ständigen Sorge. Man wusste oft nicht, was es am nächsten Tag geben würde.
Sie erzählt von Kindern, die auf andere Höfe geschickt wurden. Nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Not. „Net weil man se net gewellt hot“, sagt sie leise, „sondern weil man se net gekennt hot ernähren.“ Diese Kinder arbeiteten dort, um wenigstens genug zu essen zu bekommen. Für mich ist das kaum vorstellbar. Für sie war es Realität, die man nicht hinterfragte, sondern hinnahm.

Essen spielte in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle. Nicht als Genuss, sondern zum Überleben. Fast alles wurde selbst angebaut. Gekauft wurde wenig: Salz, Öl, Polenta. Mehr war nicht möglich. Salat kannte man nicht, exotische Lebensmittel schon gar nicht. Gegessen wurde, was der Hof hergab: Kraut, Kartoffeln, Milchprodukte. Im Herbst oft Kastanien – manchmal tagelang, unterschiedlich zubereitet, gekocht, geröstet oder gegrillt. Milchreis, Muaß, Knödel. Fleisch war selten und etwas Besonderes. Am Sonntag gab es manchmal Schaffleisch – eine Tradition, die sich bis heute in unserer Familie gehalten hat.
Besonders gern spricht sie vom Schwarzplentenen Riebler, einem einfach und schnell zubereiteten Gericht aus Apfel und Buchweizen. „Des wor mein Liabstes“, sagt sie dann und lächelt.
Die Arbeit auf dem Hof war körperlich hart. Wiesen mähen mit der Sense, jeder Handgriff erforderte Kraft und Ausdauer. Reparieren, was kaputtging. „Man hot sich selber helfn gemiaßt“, sagt sie. Auf dem Hof arbeitete auch ein Knecht. Ohne ihn wäre die Arbeit kaum zu bewältigen gewesen. Jeder Tag begann früh, oft noch vor Sonnenaufgang, und endete erst, wenn es dunkel wurde.
Heute ist vieles anders. Maschinen erleichtern die Arbeit, Technik spart Kraft und Zeit. Trotzdem sagt sie, dass Arbeit nie wirklich leicht wird. „Sie isch holt ondersch.“ Auf dem Hof meines Opas in Gufidaun lebt sie seit 70 Jahren. Dorthin zog sie, nachdem sie meinen Uropa Anton kennengelernt hatte. Der Hof ist seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Familie, heute arbeiten hier drei Generationen zusammen; er ist modern geworden.
Früher lebte man stärker in Gemeinschaft. Man war aufeinander angewiesen. Familien waren groß – nicht nur aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit. „Meahr Kinder hot ghoaßn meahr Helfer“, sagt sie nüchtern. Heute seien Familien kleiner, die Verwandtschaften lockerer. Die Rollen waren klar verteilt. Frauen waren für Haushalt und Kinder zuständig, Männer arbeiteten draußen. Ihr Mann Anton, ebenfalls Jahrgang 1932, starb 1983. Sie blieb zurück. Wieder hieß es: weitermachen. Klagen hätte nichts geändert. Sie spricht selten über diesen Verlust, doch man spürt, wie viel sie alleine getragen hat. „Es hot sein gemiaßt“, sagt sie – und mehr braucht es nicht.
Heute, sagt sie, hätten Frauen mehr Möglichkeiten. Sie findet das gut. Gleichzeitig wundert sie sich manchmal über die vielen Entscheidungen, die man heute treffen muss. Früher habe man nicht lange überlegt. Man habe getan, was notwendig war.
Vergnügungen gab es selten. Sie erzählt von Tanzabenden auf Höfen oder in Gasthäusern. Für jeden Tanz musste man Geld bezahlen. „Mir sein tonzn gongen, net aus Gaudi“, sagt sie, „sondern zan Kennenlernen.“ Beziehungen waren ernst gemeint. Man wusste, worauf man sich einließ.

Jeden Sonntag, an Feiertagen und an Todestagen ging man in die Kirche. Der Pfarrer bekam von jedem Hof Essen. „Oftamol isch für die Leit selber nimmer viel gebliebm“, erzählt sie. „A Beispiel wor ba mein friehrn Nochbor, des woas i no gonz genau, de hobn no genau oan Goggele ibrig kop und dor Pforrer hots fir sich genummen, und des wor net es oanzige Mol, dass man mit Hunger schlofn gongen isch.“ Trotzdem stellte man es nicht infrage. Der Glaube gab Halt und Trost.
Nach dem Ende des Krieges wurde es nicht leichter. Die Höfe mussten weiterlaufen, die Felder beackert, die Tiere versorgt werden. Es gab keinen Neubeginn im romantischen Sinn, sondern ein langsames Weitergehen. Für meine Uroma bedeutete das, erwachsen zu werden.
Die Jugend war kurz. Mit 14 oder 15 Jahren galt man bereits als voll arbeitsfähig. Zur Schule ging sie in ihrem ganzen Leben nur drei Jahre, nicht 13 wie wir. Bildung fand vor allem durch das Leben statt. Man lernte, indem man tat. Fehler konnte man sich kaum leisten, denn sie hatten unmittelbare Folgen. Wenn etwas misslang, musste man es ausbaden – oft körperlich.
Anna bekam drei Kinder und arbeitete auf dem Hof. Über ihre Ehe spricht sie selten. Sie ist es nicht gewohnt, Gefühle in Worte zu fassen. Nähe zeigte sich in Taten, nicht in Gesprächen. Man arbeitete zusammen, man trug gemeinsam die Lasten. Liebe war leise – aber sie war immer da, meint sie.
Jeden Morgen stand sie auf, um die Kühe zu melken, den Haushalt zu machen, auch wenn sie müde war. Weitermachen, auch wenn der Rücken schmerzte. Die Jahre vergingen. Die Welt veränderte sich erst langsam, dann immer schneller. Maschinen hielten Einzug auf den Höfen. Arbeit, für die früher ein ganzer Tag nötig gewesen war, war nun in wenigen Stunden erledigt. Meine Uroma beobachtete diese Veränderungen mit einer Mischung aus Staunen und Skepsis.
„Mir hobn nit so viel kop“, sagt sie, „obr mir sein auskemmen.“
„Friehr hot man gewisst, wos man gemocht hot“, sagt sie. Heute sei vieles schneller, aber auch unübersichtlicher. Sie sieht, dass Technik hilft, dass sie den Körper schont. Gleichzeitig merkt sie, dass etwas verloren geht: das Gefühl, jeden Handgriff zu kennen, jede Bewegung selbst zu machen.
Trotzdem lebt sie nicht in der Vergangenheit. Sie schaut Fernsehen, hört Nachrichten und interessiert sich für das Weltgeschehen. Der Fernseher, sagt sie, sei etwas Gutes. Er erlaube Ruhe. Früher habe man abends weitergearbeitet, repariert und vorbereitet. Heute dürfe man auch einmal sitzen bleiben und sich ausruhen.
Auf dem Hof in Gufidaun lebt sie weiterhin mitten im Geschehen. Drei Generationen unter einem Dach, eines ihrer Kinder und eine Enkelin mit ihrer Familie. Sie beobachtet ihre Kinder und Enkel, sieht deren Sorgen, die ganz andere sind als ihre eigenen. Manchmal schüttelt sie verwundert den Kopf. „Es hobs so viel Meglichkeitn“, sagt sie. Für sie ist das ein Zeichen von Freiheit – aber auch von Belastung. Früher war der Weg klar. Heute muss man wählen. Und jede Wahl bringt Unsicherheit mit sich. „Mir hobn nit so viel kop“, sagt sie, „obr mir sein auskemmen.“
Auskommen bedeutete nicht, alles zu haben, sondern genug. Genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, Menschen, auf die man sich verlassen konnte. Heute, sagt sie, sei alles moderner, bequemer – aber auch unruhiger. Die Welt sei schneller geworden und lauter. Die Menschen gehetzt. Man habe vieles, aber oft wenig Zeit. Technik bringe Erleichterung, aber auch neue Sorgen.
Als Urenkelin sitze ich ihr gegenüber und höre zu. Dinge, die für mich selbstverständlich sind – fließendes Wasser, ein voller Kühlschrank – waren für sie Luxus oder schlicht nicht vorhanden. Der Hof steht noch immer. Die Uroma ist Teil dieses Ortes, so wie der Ort ein Teil von ihr ist. Sie ist ein lebendiges Gedächtnis.
Am Ende ihrer Erzählungen entsteht oft Stille. Sie schaut aus dem Fenster, als würde sie noch einmal durch ihr Leben gehen. Vielleicht denkt sie an die vielen Tage, die gleich waren. Wenn ich dann nach Hause gehe, nehme ich diese Stille mit. In einer Zeit, die laut ist und schnell, erscheint mir ihr Leben wie ein ruhiger Gegenpol.
Manchmal, denke ich, reicht es, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen.
GABRIEL-GRÜNER-SCHÜLERPREIS
Das Projekt von ff, Agentur Zeitenspiegel, Pädagogischer Abteilung des Landes und Bildungsausschuss der Gemeinde Mals richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Oberschule (4. Klasse) aus ganz Südtirol. Sie lernen dabei, wie man eine Reportage in Wort und Bild verfasst. In diesem Jahr haben neun Teams eine Reportage erstellt. Der neue Workshop startet im Herbst.
Nathalie Baumgartner, 17, aus Brixen, besucht die Landesberufsschule „Gutenberg“ für Handel und Grafik. Sie tanzt Hip-Hop und ist gerne mit Freunden und Familie unterwegs. Nach der Matura will sie zuerst einmal arbeiten. „Ich finde, wir haben viel gelernt“, sagt sie über den Workshop, „es war mal was anderes als Schule.“ Die Anna in der Reportage ist ihre Urgroßmutter.

Claudia Grossgasteiger, 18 , aus Brixen (rechts), zeichnet gerne, sie geht ebenfalls in die „Gutenberg“, ist sehr unternehmungslustig, reist gerne. Über den Workshop sagt sie: „Er war ein lehrreiches Erlebnis, in dem man einen Einblick in die Arbeitswelt von Journalisten bekam.“





