10. Südtiroler Sportforum Mals
Wenn Bewegung Schule macht

Beim 10. Südtiroler Sportforum Mals wird Bewegung zur Bildungsfrage: Rund 380 Sportlehrpersonen aus 21 Nationen kommen zusammen, um neue Impulse zu gewinnen – und darüber nachzudenken, wie der Sportunterricht Kinder und Jugendliche erreicht, stärkt und in Bewegung bringt.
Am Morgen ist Mals ein Ort in Bewegung. Nicht nur, weil Menschen unterwegs sind, sondern weil die Wege in diesen Tagen anders verlaufen als sonst: in Turnhallen und Theorieräume, zum Sportplatz, ins Hallenbad, auf den Tennisplatz, hinaus zu Treffpunkten im Freien. Wer durch das Oberschulzentrum „Claudia von Medici“ und die umliegenden Sportstätten geht, begegnet einem Sportunterricht, der größer gedacht wird als eine Stunde zwischen Aufwärmspiel und Schlusspfiff.
Gruppen machen sich auf zu ihren nächsten Einheiten. Auf den Wegen und vor den Sportstätten mischen sich Deutsch, Italienisch, Englisch und andere Sprachen. Das Programm führt durch klassische Einzel- und Mannschaftssportarten, Rückschlagspiele und Tanz ebenso wie durch inklusiven Bewegungsformen sowie Gesundheits- und Entspannungseinheiten. Fast 300 Kurseinheiten umfasst das Programm; manches darin klingt nach Trendsport, anderes nach sportwissenschaftlichem Labor. Doch der eigentliche Anspruch liegt tiefer: Bewegung soll Kinder und Jugendliche nicht nur beschäftigen. Sie soll ihnen Körpervertrauen geben, Gemeinschaft erfahrbar machen und auch jene erreichen, die im klassischen Wettkampf nicht sofort ihren Platz finden.

Ein Lehrgang, der größer ist als ein Stundenplan
Vom 25. bis 31. Juli 2026 findet in Mals die zehnte Ausgabe des Südtiroler Sportforums statt. Rund 380 Sportlehrerinnen und Sportlehrer aus 21 Nationen nehmen daran teil; das Programm weist 294 Kurseinheiten aus. Das sind Zahlen, die nach Großveranstaltung klingen. Aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte. Dass daraus eine Veranstaltung dieser Größenordnung werden konnte, liegt auch am Zusammenspiel der Träger: der Deutschen Bildungsdirektion, der Genossenschaft für Weiterbildung und Regionalentwicklung GWR, der Sportschule Mals sowie der Gemeinde Mals.
Der andere Teil beginnt dort, wo Fortbildung praktisch wird: in der Halle, auf dem Platz, im Gespräch nach einem Kurs. Das Sportforum Mals stellt nicht nur neue Sportarten und Methoden vor. Es will Lehrpersonen Ideen, Erfahrungen und Zugänge mitgeben, die sich in den Schulalltag übertragen lassen – in Klassen, in denen Interessen, Leistungsniveaus, Körpererfahrungen und soziale Voraussetzungen immer unterschiedlicher werden.
Keine Schaufläche für spektakuläre Sportarten, sondern ein Arbeitsraum für Menschen, die Bewegung vermitteln.
„Wir wollen Lehrpersonen Impulse mitgeben, die im Unterricht tatsächlich ankommen“, sagt Friedl Sapelza, Geschäftsführer der GWR und Mitglied des Organisationsteams des Sportforums Mals. Der Satz beschreibt den Kern des Lehrgangs besser als manche Programmzahl. Denn das Sportforum Mals ist keine Schaufläche für spektakuläre Sportarten. Es ist ein Arbeitsraum für Menschen, die Kindern und Jugendlichen Bewegung vermitteln.
Was der Sportunterricht heute leisten muss
Wer das Programm vom Sportforum Mals durchblättert, sieht schnell, wie weit sich das Fach aufgefächert hat. Da treffen Kraulschwimmen, Leichtathletik und Handball auf Roundnet, Kin-Ball und das körperkontaktarme Tchoukball; Tanz steht neben Parkour, Aerial Yoga und dem brasilianischen Kampftanz Capoeira. Ergänzt wird das Angebot durch Einheiten zu Neuroathletik, Ernährung, Regeneration, Inklusion und Teamarbeit. Das wirkt auf den ersten Blick bunt. Auf den zweiten erzählt es von einer Schule, in der Sportunterricht längst mehr sein soll als Technikschulung, Mannschaftsspiel und Leistungsmessung.
Guter Sportunterricht muss Räume öffnen: für Mut, für Zusammenarbeit, für Fairness, für das Erleben des eigenen Körpers. Er muss klare Strukturen schaffen und zugleich Spielräume lassen. Er muss Leistung ermöglichen, ohne nur nach Leistung zu sortieren. Und er muss Wege finden, auch jene Schülerinnen und Schüler mitzunehmen, die nicht von selbst auf ein Spielfeld drängen.

Sapelza formuliert es so: „Das Sportforum Mals lebt davon, dass Neues ausprobiert wird – aber immer mit Blick auf die Schule.“ Genau darin liegt die Stärke des Formats. Nicht jede neue Bewegungsform wird automatisch zum Unterrichtsinhalt. Aber jede kann eine pädagogische Frage stellen: Wie entsteht Freude an Bewegung? Wie lässt sich ein Spiel so verändern, dass es nicht ausschließt, sondern Beteiligung ermöglicht? Wie wird aus Sport ein gemeinsames Erlebnis, nicht bloß ein Vergleich von Können?
Warum ausgerechnet Mals?
Dass diese Fragen in Mals verhandelt werden, ist kein Zufall. Der Ort im oberen Vinschgau bringt mit dem Oberschulzentrum „Claudia von Medici“, der dazugehörenden Sportschule und den umliegenden Anlagen eine Infrastruktur mit, die für einen Lehrgang dieser Größenordnung entscheidend ist. Die Wege sind kurz, die Sportstätten vielfältig, die Landschaft ist mehr als Kulisse. Sie gehört zum Lernraum.
Für Werner Oberthaler, Schulführungskraft am Oberschulzentrum „Claudia von Medici“ Mals, verändert sich die Schule während des Sportforums sichtbar: „Die Schule wird zu einem internationalen Bewegungs- und Lernraum“, sagt er. Das sei organisatorisch anspruchsvoll, passe aber zum Standort. Mals sei Schule, Sportzentrum und Begegnungsort zugleich.
Mals ist Schule, Sportzentrum und Begegnungsort zugleich.
Wer hier in den letzten Julitagen ankommt, kommt nicht nur zu Kursen. Er kommt in eine Veranstaltung, in der Sportlehrerinnen und Sportlehrer aus unterschiedlichen Ländern ihre Erfahrungen vergleichen: Was funktioniert in Italien? Was in Deutschland, Finnland oder Taiwan? Wie begegnet man Bewegungsmangel, Leistungsdruck, Heterogenität? Wie bleibt Sportunterricht anspruchsvoll, ohne auszugrenzen?
Oberthaler sieht gerade in dieser Verbindung von Ort und Austausch einen besonderen Wert: „Mals bietet kurze Wege, gute Anlagen und ein Umfeld, in dem Austausch fast von selbst entsteht.“ Das klingt schlicht, ist bei einer Veranstaltung mit Hunderten Teilnehmenden aber entscheidend. Denn Lernen geschieht hier nicht nur in den gebuchten Einheiten. Es geschieht am Rand eines Kurses, auf dem Weg von einer Sportstätte zur nächsten, beim gemeinsamen Essen, im Gespräch über Unterrichtserfahrungen, die trotz unterschiedlicher Länder erstaunlich ähnlich sein können.
Der obere Vinschgau als erweiterter Lernraum
Dass das Sportforum Mals nicht an den Türen der Sportstätten endet, zeigt auch das Rahmenprogramm. Halbtages- und Ganztagesexkursionen führen in den Vinschgau: auf E-Mountainbike-Touren, zu Klettersteigen und Wanderungen, nach Glurns, zu historischen Schauplätzen, zum Laaser Marmorsteinbruch, ins Kloster Marienberg oder zu regionalen Käseverkostungen. Das ist mehr als ein touristischer Zusatz. Es erweitert den Lernraum dorthin, wo Bewegung mit Landschaft, Orientierung, Kultur und Gruppenerfahrung zusammenkommt.

Wer mit einer Gruppe unterwegs ist, lernt oft anderes als in einer Übungsreihe: Rücksicht, Ausdauer, Verantwortung, manchmal auch das Aushalten von Unsicherheit. Vieles davon gehört zu dem, was Schule vermitteln soll, auch wenn es in keinem Stundenraster vollständig aufgeht. In diesem Sinn passt das Rahmenprogramm zum Kern des Sportforums: Bewegung wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Erfahrung, die Körper, Raum und Gemeinschaft verbindet.
Auch der Verband der Sportvereine Südtirols (VSS) setzt während des Sportforums einen fachlichen Akzent. Am 29. Juli wird der Sportwissenschaftler Achim Conzelmann mit Vorträgen zu Herausforderungen und digitalen Entwicklungen in Sportvereinen sowie zu individualisierter Talentförderung im Jugendsport vertreten sein. Damit öffnet sich der Blick über die Schule hinaus: auf Vereine, auf Jugendsport, auf Förderung – und auf die Frage, wie junge Menschen in unterschiedlichen Bewegungsräumen begleitet werden können.
Mehr als Ausgleich im Stundenplan
Seit 2007 findet das Sportforum Mals grundsätzlich im Zweijahresrhythmus statt; die für 2021 vorgesehene Ausgabe fiel coronabedingt aus, danach wurde der Rhythmus mit den Ausgaben 2022, 2024 und nun 2026 fortgesetzt. Aus einem zunächst kleineren Fortbildungsformat ist im Laufe der Jahre ein internationaler Lehrgang geworden – und zugleich ein Seismograf dafür, wie sich der Blick auf den Sportunterricht verändert hat.
Das Sportforum zeigt Sportunterricht nicht als bloßes Ausgleichsfach, sondern als Schule im besten Sinn.
Denn über diesen wird im Schulalltag oft schnell gesprochen: gesund, wichtig, ausgleichend soll er sein. In Mals wird sichtbar, wie viel Arbeit hinter diesen einfachen Wörtern steckt. Denn guter Unterricht entsteht nicht von selbst. Er braucht Lehrpersonen, die sich weiterbilden. Er braucht Räume, in denen ausprobiert werden darf. Er braucht Fachwissen, pädagogisches Gespür und die Bereitschaft, Routinen zu prüfen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Sportforums Mals: Es zeigt den Sportunterricht nicht als bloßes Ausgleichsfach, sondern als Schule im besten Sinn. Als Ort, an dem junge Menschen ihren Körper erfahren, Vertrauen gewinnen, Regeln aushandeln, Unterschiede akzeptieren und Gemeinschaft erleben können. Oder, einfacher gesagt: als Unterricht, der selbst in Bewegung kommt – und dadurch jedes Jahr Schülerinnen und Schüler in Bewegung bringt.


