Sommermusikwochen
Musik kennt keine Grenzen

Gemeinsam musizieren, sich ausprobieren und Teil einer Gemeinschaft sein: Bei „Musik ohne Grenzen“ kamen in der Musikschule Auer 18 Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen zusammen. Kursleiterin Verena Koler erklärt im INFO-Interview, was Musik ohne viele Worte ermöglichen kann und wie inklusive Angebote an den Musikschulen ausgebaut werden sollen.
Vier Tage lang wurde Ende August in der Musikschule Auer gesungen, getanzt, improvisiert und gemeinsam musiziert. „Musik ohne Grenzen“ war Teil der Sommermusikwochen der Landesdirektion Deutsche und ladinische Musikschulen und richtete sich an Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Alter von sechs bis 25 Jahren.
Geleitet wurde die Sommermusikwoche von Verena Koler. Gemeinsam mit fünf weiteren Referentinnen (Anna Florina Ferrarese, Sophie Gamper, Ulrike Ellemunter, Stefanie Müller, Luzia Tirler) gestaltete sie ein Programm, das von Bodypercussion und Klangreisen über Lieder und Songwriting bis hin zu Tanz und Improvisation reichte. Ein Schwerpunkt lag auf dem gemeinsamen Musizieren und auf der Vorbereitung des Abschlusskonzerts.

INFO: Frau Koler, „Musik ohne Grenzen“ wurde heuer zum zweiten Mal angeboten. Welche Erfahrungen aus dem letzten Jahr haben Sie mitgenommen?
Verena Koler: Vor allem die Erfahrung, dass wir unbedingt weitermachen wollen. Die erste Woche im Sommer 2025 ist sehr gut angekommen. Wir hatten anschließend auch einen Auftritt beim Pädagogischen Eröffnungstag der Deutschen und ladinischen Musikschulen, dem ersten Treffen aller Musikschullehrpersonen des Landes nach der Sommerpause. Vonseiten der Landesmusikschuldirektion bestand der Wunsch, dass wir auch heuer wieder dort auftreten. Das haben wir gemacht. Die Erfahrungen waren also durchwegs positiv. Heuer hatten wir außerdem mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Im vergangenen Jahr waren es 14, diesmal 18.
Wie lief die Sommermusikwoche konkret ab?
Im vergangenen Jahr dauerte sie drei Tage, heuer haben wir einen Tag dazugenommen. Wir waren vier Tage lang jeweils von 9 bis etwa 16.30 Uhr zusammen, inklusive Mittagessen und verschiedener Pausen. Wir haben abwechselnd mit der gesamten Gruppe und in Kleingruppen gearbeitet. Die Angebote waren sehr vielfältig: von Bodypercussion und Klangreisen über Lieder bis hin zu Songwriting. Einmal haben wir auch Disco gemacht und gemeinsam getanzt.
In der Großgruppe haben wir außerdem intensiv für unsere Auftritte gearbeitet. Am letzten Kurstag gab es um 15.30 Uhr ein Abschlusskonzert, bei dem wir verschiedene Nummern präsentiert haben, die während der Woche erarbeitet worden sind. Einen Song, „I have a dream“ von Abba haben wir auch beim Eröffnungstag in Meran aufgeführt – das Thema der Woche war nämlich „der Traum“, und rund um dieses Thema haben wir die verschiedenen Angebote entwickelt.
Genau das ist die Herausforderung: für jeden Menschen einen Moment, ein Instrument oder eine Aufgabe zu finden, die zu ihm passt.
Was war das Besondere an diesem gemeinsamen Auftritt?
Ein Highlight ist für uns das Stück, bei dem wirklich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit einer inklusiven Band auftreten. In dieser Band spielen auch Lehrpersonen unserer Musikschulen mit. Heuer war sogar ein Elternteil dabei, und die Schwester einer Teilnehmerin hat den Gesang Solopart übernommen. Außerdem hat ein Geschwisterkind ohne Beeinträchtigung die gesamte Woche mitgemacht. Das war also eine sehr bunt gemischte und inklusive Gruppe.
Grundsätzlich ist bei der Anmeldung vorgesehen, dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer eine Begleitperson mitbringt. Wenn wir die Kinder und Jugendlichen bereits kennen und wissen, dass sie sehr selbstständig sind, können sie aber auch ohne Begleitperson teilnehmen. Bei jüngeren oder weniger selbstständigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist uns wichtig, dass jemand unterstützend dabei ist.
Die Voraussetzungen und Fähigkeiten der Teilnehmenden sind sehr unterschiedlich. Wie gelingt es, alle einzubeziehen und gemeinsam Musik zu machen?
Genau das ist die Herausforderung: für jeden Menschen einen Moment, ein Instrument oder eine Aufgabe zu finden, die zu ihm passt. Das ist während der Kurstage eine wichtige Aufgabe für uns Referentinnen. Dabei müssen auch wir sehr viel improvisieren.
Wir können vorher planen, planen und nochmals planen. Dann kommen die Kinder und Jugendlichen aber mit ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren eigenen Wünschen, und darauf wollen wir uns so gut wie möglich einstellen. Das ist unser Anliegen: Wir wollen die verschiedenen Eigenschaften der Teilnehmenden erkennen und einen Raum schaffen, in dem sie sich entfalten können. So findet jeder und jede eine passende Aufgabe und ein Orff-Instrument, das zu ihm bzw. zu ihr passt und in der inklusiven Band gespielt werden kann.
Musizieren einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits?
Ja, wir hatten zum Beispiel einen Schüler, der sehr gut Steirische Harmonika spielt. Er hat dann auch einen Solopart übernommen. Eine Schülerin spielt seit einigen Jahren Querflöte, und auch sie haben wir in die inklusive Band eingebaut. Wer bereits ein Instrument spielt, den versuchen wir natürlich damit einzubeziehen.
Improvisation, Bewegung und eigenes Ausprobieren spielen also eine wichtige Rolle?
Absolut. In der inklusiven Musikpädagogik geben wir zunächst einen Impuls und schauen anschließend, was die Kinder und Jugendlichen daraus machen und wie sie ihn aufgreifen. Dann versuchen wir, auf ihre Ideen zu reagieren und sie möglichst umzusetzen. Wenn wir beispielsweise ein Lied singen, fragen wir: Welche Bewegung fällt euch dazu ein? Oder: Welcher Text könnte dazu passen? Dafür gibt es sehr viel Raum. Gleichzeitig braucht es aber auch Struktur. Bei aller Freiheit ist ein klarer Rahmen genauso wichtig. Gerade diese Struktur, klare Grenzen und Aufgabenstellungen brauchen die Kinder und Jugendlichen.
Welche Rolle kann Musik für Menschen mit besonderen Bedürfnissen spielen – auch über das reine Musizieren hinaus?
Musik kann sehr unmittelbar Emotionen auslösen. Sobald ein Lied erklingt, entsteht etwas. Man merkt, dass Menschen anfangen zu lächeln. Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Es entsteht Bewegung, und es entsteht eine gewisse Leichtigkeit. Ein besonders großes Potenzial hat Musik für Menschen, die nonverbal sind, also nicht sprechen, oder für Menschen, denen es schwerfällt, sich auszudrücken. Das gilt auch für Menschen, die sehr schüchtern oder introvertiert sind. Musik kann Möglichkeiten des Ausdrucks und der Begegnung schaffen, für die es keine oder nur wenige Worte braucht.
Die Kinder und Jugendlichen sind unglaublich authentisch.
Gab es während der vier Tage einen Moment oder eine Entwicklung, die Sie besonders berührt hat?
Davon gab es sehr viele. Die Kinder und Jugendlichen sind unglaublich authentisch. Sie zeigen ihre Gefühle und Emotionen unmittelbar. Besonders bei einem Auftritt ist die Situation oft sehr emotional. Wenn der Auftritt vorbei und gut gelungen ist, kommen manchmal die Tränen. Was mich dabei sehr berührt hat: Wenn jemand weint, gehen die anderen sofort hin, umarmen die Person und fragen: Was ist los? Kann ich dich trösten? Das war wunderschön zu beobachten.
Überhaupt waren das Gemeinschaftsgefühl, die Empathie und der gegenseitige Respekt sehr groß. Wenn jemand einen Soloauftritt hatte, haben sich die anderen mit dieser Person gefreut. Da gab es keinen Neid, kein „Ich will auch“ und kein „Ich möchte vor oder nach dir auftreten“. Dieses Konkurrenzdenken ist in der Gruppe überhaupt nicht entstanden.
Was ist Ihr persönliches Fazit nach diesen vier Tagen?
Es ist eine herzliche Gemeinschaft entstanden. Alle haben einander geholfen. Es wurde viel getanzt, gelacht und auch geweint – all das ist spontan passiert. Ich merke, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammenwachsen und was Musik an Entwicklung und Gemeinschaft ermöglichen kann, ohne dass dafür viele Worte notwendig sind. Mein Fazit wäre deshalb: mit wenigen Worten, mit Musik in Gemeinschaft.
Wie selbstverständlich sind Menschen mit besonderen Bedürfnissen heute bereits Teil der Musikschulen?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Musikschulen, an denen es bereits seit vielen Jahren Angebote für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gibt. Teilweise geschieht das auch in Zusammenarbeit zwischen Musikschulen und öffentlichen Schulen. Die Schülerinnen und Schüler kommen dann gemeinsam mit ihren Betreuungspersonen am Vormittag in die Musikschule und erhalten dort Unterricht.
Ab diesem Musikschuljahr gibt es an der Landesmusikschuldirektion auch eine eigene Fachgruppe für „Inklusives Musizieren“, deren Leiterin ich bin. Eine unserer Aufgaben wird es sein, entsprechende Angebote möglichst an allen Musikschuldirektionen weiterzuentwickeln. Das kann Einzelunterricht sein, aber auch eine inklusive Musikstunde in der Gruppe. Hier soll sich in den kommenden Jahren noch einiges verbessern.
Was braucht es, damit Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen nicht nur spezielle Angebote besuchen, sondern selbstverständlich am Musikschulleben teilnehmen können?
Teilweise passiert das bereits. Im Fach „Elementares Musizieren“, das sich mit seinen Angeboten an jüngere Kinder richtet, betreuen bereits viele Lehrpersonen auch Kinder mit Beeinträchtigungen, sofern dies mit der Gruppendynamik vereinbar ist. Natürlich kann dies eine Herausforderung sein, weil die Lehrperson immer schauen muss, was für das jeweilige Kind und für die gesamte Gruppe funktioniert.
Wenn ein Kind beispielsweise sehr viel Bewegung braucht und kaum stillsitzen kann, kann es schwierig sein, es in einer bestimmten Gruppe angemessen zu begleiten. Dann kann individueller Unterricht die bessere Lösung sein. Es geht darum, für jedes Kind die passende Unterrichtsform zu finden und ein gutes Netz zu schaffen, damit es bestmöglich und in einem stimmigen Umfeld gefördert werden kann.




