Wie kommen Kinder sicher zu Fuß in Kindergarten oder Schule? Mobilitätsprojekte in Taufers im Münstertal und Schlanders zeigen, dass dafür oft keine großen Bauvorhaben nötig sind. Harald Reiterer von Green Mobility erklärt, worauf es ankommt.
Der tägliche Weg in den Kindergarten oder zur Schule ist für viele Kinder die erste selbstständige Erfahrung im Straßenverkehr. Damit dieser möglichst sicher gelingt, wurden in Taufers im Münstertal und in Schlanders Mobilitätsprojekte umgesetzt, an denen Gemeinden, Kindergärten, Schulen, Eltern und Kinder gleichermaßen beteiligt waren. Im Mittelpunkt standen dabei weniger große Bauvorhaben als vielmehr die gemeinsame Analyse gefährlicher Situationen, konkrete Verbesserungsvorschläge und die Sensibilisierung aller Beteiligten. Entstanden sind unter anderem ein Schul- und Kindergartenwegplan für Taufers im Münstertal sowie Empfehlungen für Maßnahmen für die beiden Gemeinden Taufers und Schlanders.
Harald Reiterer von Green Mobility der STA – Südtiroler Transportstrukturen AG erklärt im Interview, warum Sensibilisierung oft wichtiger ist als bauliche Maßnahmen.
INFO: Herr Reiterer, worum ging es bei den Mobilitätsprojekten in Taufers im Münstertal und in Schlanders konkret?
Harald Reiterer: Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kinder sicher in den Kindergarten oder zur Schule gelangen können. Gleichzeitig wollten wir durch die breite Einbindung aller Beteiligten – von den Bildungseinrichtungen über die Eltern bis hin zu den Gemeinden – das Bewusstsein für sichere Mobilität stärken. In Taufers im Münstertal entstand daraus unter anderem ein Schul- und Kindergartenwegplan, der den Familien Orientierung für sichere Wege bietet. In Schlanders erarbeiten wir derzeit Empfehlungen für die Gemeinde, ein eigener Schulwegplan ist dort jedoch nicht vorgesehen.
Viele denken bei Verkehrssicherheit zuerst an neue Zebrastreifen oder bauliche Maßnahmen. Ihr Ansatz war ein anderer.
Genau. Unser Schwerpunkt lag auf der Sensibilisierung. Gemeinsam mit Kindern, Lehrpersonen, Eltern und Gemeindevertretern haben wir gefährliche Situationen analysiert und Verbesserungsvorschläge entwickelt. Oft reichen schon kleine Maßnahmen aus – etwa eine zurückgeschnittene Hecke, ein anders ausgerichteter und somit auch kindgerechter Verkehrsspiegel oder ein leicht versetzter Zebrastreifen. Gleichzeitig lernen die Kinder, welche Wege besonders sicher sind und wo sie Straßen überqueren sollten.
„Die Menschen vor Ort kennen ihre Situation am besten und bringen viele wertvolle Ideen ein“, sagt Harald Reiterer
Sie betonen immer wieder die Sensibilisierung. Geht es dabei nur um Verkehrssicherheit?
Nein. Natürlich steht die Sicherheit im Vordergrund. Gleichzeitig ist der Schulweg aber auch ein wichtiger Lern- und Erfahrungsraum. Kinder lernen, sich im Straßenverkehr zu orientieren, Verantwortung zu übernehmen und ihren Ort bewusst wahrzunehmen. Sie treffen andere Kinder und erleben den Schulweg gemeinsam. Wer Kinder immer bis vor die Tür fährt, nimmt ihnen einen Teil dieser Erfahrungen. Deshalb wünschen wir uns, dass möglichst viele Kinder zumindest einen Teil ihres Weges aktiv zu Fuß zurücklegen können.
Welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Eine sehr große. Viele Eltern bringen ihre Kinder aus Gewohnheit mit dem Auto direkt bis vor den Kindergarten oder die Schule. Dabei entsteht gerade durch diese „Elterntaxis“ oft die größte Gefahr für andere Kinder. Schon wenn Eltern ihre Kinder ein paar hundert Meter früher aussteigen lassen und den Rest des Weges zu Fuß gehen lassen, ist viel gewonnen. Gleichzeitig überlegen viele Eltern nach solchen Projekten bewusster, ob jede Autofahrt tatsächlich notwendig ist.
Wie wichtig war die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Eltern und Kindern?
Sie war aus meiner Sicht der entscheidende Erfolgsfaktor. Die Menschen vor Ort kennen ihre Situation am besten und bringen viele wertvolle Ideen ein. Gleichzeitig schafft dieser Prozess Akzeptanz für die späteren Maßnahmen. Wer mitarbeitet, versteht die Bedürfnisse der Kinder besser und hinterfragt häufig auch das eigene Verhalten. Diese breite Einbindung ist deshalb mindestens so wichtig wie einzelne Maßnahmen im Straßenraum. Zugleich war speziell die Unterstützung durch den Kindergartensprengel Schlanders sehr wertvoll für den Start der Projekte und für die Vernetzung in beiden Gemeinden.
Der erarbeitete Schulwegplan für Taufers im Münstertal
Welche Rolle übernimmt Green Mobility der STA bei solchen Projekten?
Wir bringen die verschiedenen Akteure zusammen, begleiten Begehungen vor Ort, organisieren Befragungen und erarbeiten gemeinsam mit den Beteiligten Empfehlungen für die Gemeinden. Dabei stehen für uns immer die Sicherheit der Kinder und die Lebensqualität im Ort im Mittelpunkt.
Können die Projekte als Vorbild für andere Gemeinden dienen?
Ja, auf jeden Fall. Nicht jede Gemeinde hat dieselben Voraussetzungen. Manche Orte sind stärker vom Durchgangsverkehr geprägt, andere weniger. Deshalb gibt es keine Patentlösung. Vorbildcharakter hat vor allem die Art der Zusammenarbeit. Wenn Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Eltern und Kinder gemeinsam nach Lösungen suchen, entstehen oft die nachhaltigsten Verbesserungen.
Warum lohnt es sich, in sichere Schul- und Kindergartenwege zu investieren?
Kinder sind das Wertvollste, was wir haben. Deshalb sollten Sicherheit und Lebensqualität bei der Gestaltung unserer Orte oberste Priorität haben – und nicht die möglichst schnelle Durchfahrt von Autos oder Motorrädern. Dafür braucht es manchmal bauliche Anpassungen oder Änderungen bei der Straßenmarkierung, vor allem aber Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit und das Bewusstsein aller Beteiligten.
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