Interview mit Nadine Thomaseth

Der Jugend mehr zutrauen

Freitag, 9.1.2026

Nadine Thomaseth ist die neue Vorsitzende des Landesbeirats der Schülerinnen und Schüler in Südtirol. Im INFO-Interview spricht sie über Mitsprache, politische Bildung, Digitalisierung, fehlende Ausflüge – und darüber, warum Schule jungen Menschen mehr zutrauen sollte.

Nadine Thomaseth stammt aus St. Ulrich in Gröden und besucht die vierte Klasse des Sprachgymnasiums „Fallmerayer“ in Brixen. Seit Kurzem ist sie Vorsitzende des Landesbeirats der Schülerinnen und Schüler – eines beratenden Gremiums auf Landesebene, das die Interessen der Schülerinnen und Schüler im Zusammenhang mit schulischen Themen vertritt.

Der Landesbeirat organisiert sich in Arbeitsgruppen, die sich mit konkreten Problemen und Anliegen von Schülerinnen und Schülern befassen – etwa mit politischer und gesellschaftlicher Bildung, Mobilität oder Digitalisierung. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden gesammelt, diskutiert und anschließend an politische Entscheidungsträgerinnen und -trägern sowie Bildungseinrichtungen weitergegeben.

Im Interview spricht Thomaseth über ihre Motivation, sich zu engagieren, über Erfahrungen im Austausch mit Landespolitik und Bildungsverwaltung, über Notendruck und fehlende Ausflüge, über Handys und Künstliche Intelligenz im Unterricht – und über die wachsende Herausforderung, sich in einer Flut von Informationen zurechtzufinden.

INFO: Was hat dich motiviert, den Vorsitz des Landesbeirats der Schülerinnen und Schüler zu übernehmen?
Nadine Thomaseth: Meine Geschichte ist eigentlich ganz lustig. Ich bin jemand, der Dinge offen anspricht und auch kritisiert, wenn mir etwas nicht passt. Mein Geschichtslehrer hat einmal zu mir gesagt: Wenn dir etwas nicht gefällt, dann musst du selbst etwas ändern. Das hat mich motiviert. Im darauffolgenden Jahr habe ich mich in den Landesbeirat wählen lassen, war zuerst ein Jahr normales Mitglied, dann Vize-Vorsitzende und heuer eben Vorsitzende. Meine generelle Motivation ist, den Schulalltag für jede und jeden so gut wie möglich zu verbessern.

Welche Erfahrungen hast du bisher im Landesbeirat gesammelt?
Sehr unterschiedliche. Ich habe viel über Gemeinschaft gelernt, neue Leute kennengelernt und mich mit vielen Menschen ausgetauscht – etwa mit Landesrat Philipp Achammer, mit Schulinspektoren, der Landesschuldirektorin oder dem Bildungsdirektor Gustav Tschenett. Dieser Austausch hat mir immer das Gefühl gegeben, dass wir gehört werden und dass unsere Meinung ernst genommen wird.

Schule sollte informieren und aufklären – über politische und gesellschaftliche Themen, darüber, wie Entscheidungen getroffen werden.

Wenn du mit Mitschülerinnen und Mitschülern sprichst: Was läuft an Südtirols Schulen gut, wo hakt es?
Das ist sehr individuell und hängt stark von der jeweiligen Schule ab. Insgesamt läuft es in Südtirol gut, aber es gibt Luft nach oben. Das Schulsystem ist nicht mehr ganz zeitgemäß und viele Themen, die Schülerinnen und Schüler heute beschäftigen, werden im Unterricht nicht ausreichend behandelt.

Welche Themen sind das konkret?
Vor allem politische und gesellschaftliche Bildung. Wir haben Arbeitsgruppen dazu, aber auch zur Mobilität – etwa zu Schülerbussen oder zur Schüler- und Schülerinnencharta, die seit Langem nicht mehr aktualisiert wurde. Wenn man aktiv an der Gesellschaft teilnehmen will, muss man verstehen, wie sie funktioniert. Darauf sollte mehr Wert gelegt werden.

Was sollte Schule deiner Meinung nach stärker vermitteln?
Schule sollte informieren und aufklären – über politische und gesellschaftliche Themen, darüber, wie Entscheidungen getroffen werden. Junge Menschen sind unsere Zukunft. Sie sollten wissen, wofür Parteien stehen oder auch ganz praktische Dinge lernen, etwa wie man eine Steuererklärung macht. Diese Grundlagen kommen oft zu kurz.

Wie sammelt ihr die Anliegen der Schülerinnen und Schüler?
Jede deutschsprachige Oberschule hat zwei Vertreterinnen und Vertreter im Landesbeirat, meist sind es die Schülervertreterinnen bzw. Schülervertreter der Schule. Wir treffen uns etwa fünfmal im Jahr in Vollversammlungen. Dort bringen wir Themen ein, die uns beschäftigen. Zusätzlich gibt es Arbeitsgruppen, in denen viele engagierte Schülerinnen und Schüler auch außerhalb der Sitzungen weiterarbeiten – oft in ihrer Freizeit.

Wir verstehen die Sicht der Lehrpersonen, sehen aber nicht uns in der Verantwortung, dafür eine Lösung zu finden. Diese muss von Politik und Gewerkschaften kommen. Wir fordern, dass möglichst bald wieder Ausflüge möglich sind.

Was beschäftigt oder belastet Schülerinnen und Schüler derzeit besonders?
Notendruck ist sicher ein Thema, auch wenn das stark von Schule und Lehrperson abhängt. Sehr belastend ist aber auch, dass viele Ausflüge wegfallen. Ohne Ausflüge fehlen gemeinsame Erlebnisse außerhalb des Klassenzimmers. Gerade in neuen Klassen leidet darunter die Klassengemeinschaft. Auch Maturareisen oder andere Aktivitäten außerhalb der Schule fehlen sehr.

Wie erlebt ihr die Diskussion rund um die Lehrerproteste und die fehlenden Ausflüge?
Wir finden das sehr schade. Wir verstehen die Sicht der Lehrpersonen, sehen aber nicht uns in der Verantwortung, dafür eine Lösung zu finden. Diese muss von Politik und Gewerkschaften kommen. Wir fordern, dass möglichst bald wieder Ausflüge möglich sind.

Digitalisierung, KI, Handys im Unterricht – was wünschen sich Schülerinnen und Schüler?
Vor allem mehr Vertrauen. Ein Verbot allein führt nicht zu einer Verbesserung. Starre Regeln bewirken oft das Gegenteil. Stattdessen braucht es Aufklärung, Sensibilisierung und eine sinnvolle Nutzung. Dasselbe gilt für KI: Sie sollte nicht nur als Gegner gesehen werden, sondern als Werkzeug. Man muss lernen, wie man KI sinnvoll nutzt.

Gab es dazu konkrete Vorschläge aus euren Arbeitsgruppen?
Ja, wir hatten letztes Jahr eine Arbeitsgruppe zur Digitalisierung. Das Ergebnis war, dass Lehrpersonen sich stärker weiterbilden sollten und dass man gemeinsam überlegen muss, wie KI sinnvoll in den Unterricht integriert werden kann.

Schulen sollten offener für Diskussionen sein und mehr Toleranz gegenüber anderen Meinungen zeigen.

Wie viel Mitsprache haben Schülerinnen und Schüler deiner Meinung nach?
Ich habe das Gefühl, dass wir gehört werden und dass viele Schulen offen für unsere Anliegen sind. Vieles kann auch auf Schulebene gelöst werden, ohne starre Vorgaben von oben.

Was müsste sich ändern, damit Schülerinnen und Schüler wirklich einbezogen werden?
Schulen sollten offener für Diskussionen sein und mehr Toleranz gegenüber anderen Meinungen zeigen. Schülerinnen und Schüler brauchen Informationen und Aufklärung, um sich eine eigene Meinung bilden zu können und selbst Entscheidungen zu treffen.

Wie politisch dürfen oder sollen Schülerinnen und Schüler sein?
Politik ist sehr wichtig, weil sie unsere Gesellschaft gestaltet. Entscheidungen von heute beeinflussen unser Leben morgen. Deshalb sollte jede Schülerin und jeder Schüler politisch sein – in welcher Form, das entscheidet jede und jeder selbst.

Bereitet Schule ausreichend auf die Zukunft vor?
Organisatorisch ja, etwa im Umgang mit Terminen oder beim Verknüpfen von Wissen. Aber aktuelle Themen, politische und gesellschaftliche Bildung und praktische Lebenskompetenzen kommen zu kurz.

Ich denke, Medienkompetenz müsste viel stärker vermittelt werden. Man müsste erklären, welche Medien man nutzen kann, wie man Informationen überprüft und einordnet.

Ein Thema, das immer wichtiger wird, ist die Informationsflut durch soziale und digitale Medien. Ist das bei euch ein Thema?
Das wurde angesprochen, aber es gibt noch keine eigene Arbeitsgruppe dazu. Viele wissen nicht, wie sie Informationen einordnen sollen – welche Quellen seriös sind und welche nicht. Oft heißt es einfach: Nutzt die KI und schaut nicht im Internet nach. Aber auch KI greift auf Inhalte aus dem Internet zurück. Darüber wird noch zu wenig aufgeklärt.

Wie könnte Schule hier ansetzen?
Ich denke, Medienkompetenz müsste viel stärker vermittelt werden. Man müsste erklären, welche Medien man nutzen kann, wie man Informationen überprüft und einordnet. Das ist etwas, das wir in Zukunft sicher stärker angehen wollen – vielleicht auch wieder im Rahmen einer Arbeitsgruppe zur Digitalisierung.

Zum Schluss noch persönlich: Wer bist du außerhalb der Schule?
Ich komme aus St. Ulrich in Gröden, engagiere mich in mehreren Gremien wie dem Landesjugendrat, treffe mich gerne mit Freunden und verbringe Zeit mit meiner Familie. Politik interessiert mich sehr.

Und wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Zuerst die Matura. Danach könnte ich mir Jura oder Politik vorstellen – etwas, mit dem ich aktiv an der Gesellschaft mitwirken kann. Vielleicht groß gedacht, aber jeder kann seinen Beitrag leisten.

INFO Redaktion

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