Interview mit Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner
„Wir sind auf dem Weg“

Südtirols Schulen starten in ein neues Schuljahr – mit alten Herausforderungen und neuen Ansätzen. Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner erklärt im INFO-Interview, warum klassische Unterrichtsformen zunehmend an ihre Grenzen stoßen, Hausaufgaben nicht immer sinnvoll sind und Schulen beim Lernen neue Wege gehen müssen.
INFO: Das neue Schuljahr hat begonnen. Was sind die größten Herausforderungen?
Sigrun Falkensteiner: Ich glaube, man muss unterscheiden, für wen. Schule ist zunächst einmal für die Schülerinnen und Schüler da. Für sie bedeutet der Schulbeginn, wieder einen Rhythmus aufzunehmen und in eine Gemeinschaft hineinzufinden. Diese Gemeinschaften werden vielfältiger, und dadurch müssen auch Werte und Regeln immer wieder neu ausgehandelt werden. Die gesamte soziale Dynamik spielt eine große Rolle. Dazu kommen Leistungsdruck, schulische Anforderungen, neue Lehrpersonen und neue Situationen.
Und für Lehrpersonen?
Da sehe ich eine andere Herausforderung. Im vergangenen Jahr gab es in den Kollegien viel Unruhe, unter anderem wegen Gehalts- und Strukturfragen. Jetzt wäre es wichtig, wieder mehr Ruhe hineinzubringen und den Blick stärker auf den Unterricht beziehungsweise eigentlich auf das Lernen zu richten.
Die entscheidende Frage sollte sein: Wird Schule ihrem Kernauftrag gerecht? Organisieren wir gutes Lernen für die Schülerinnen und Schüler? Es sollte weniger darum gehen, über Unterricht und über Tätigkeiten zu sprechen, sondern darüber, was Kinder und Jugendliche für ihr Lernen brauchen und welche Bedingungen wir schaffen, damit Kinder und Jugendliche gut lernen können.
Die Klassen werden gleichzeitig immer heterogener. Bedeutet das, dass Lehrpersonen für jedes Kind einen eigenen Unterricht entwickeln müssen?
Nein. Das wäre aus meiner Sicht ein falsch verstandener Zugang zur Individualisierung. Es kann nicht darum gehen, für jedes Kind einen eigenen Bildungsplan zu erstellen und für jedes Bedürfnis eine zusätzliche Person hinzuzuholen. Wir müssen Unterricht von vornherein anders denken. Wenn ich eine Aufgabe vorbereite, sollte ich überlegen: Welche unterschiedlichen Zugänge ermöglicht sie? Wo kann jemand beim Einfacheren beginnen, wo beim Schwierigen, wo vielleicht beim Praktischen? Gute Aufgaben bieten unterschiedliche Anknüpfungspunkte.
Differenzierung bedeutet also nicht, für jeden Menschen etwas völlig anderes zu machen. Vielmehr sollte eine Aufgabenstellung von Anfang an verschiedene Lernwege ermöglichen. Das verlangt von Lehrpersonen ein Umdenken. Nicht: Ein Unterricht, der Ausnahmen für einige wenige macht und ausschließlich auf deren Bedürfnisse abgestimmt ist, sondern ein Unterricht, in dem Verschiedenheit von Anfang an Platz hat und mitgedacht ist.
Häufig erfüllen Hausaufgaben den Zweck, den sie eigentlich haben sollten, nicht.
Was verändert sich für Schülerinnen und Schüler in diesem Schuljahr konkret?
Ein Thema ist die Neufassung der Schülercharta. Das ist auch eine Gelegenheit, sich noch einmal grundsätzlich anzuschauen, welche Rechte und Pflichten Schülerinnen und Schüler haben und welcher Rahmen für alle, Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler, vorgegeben wird. Ein durchaus heiß diskutiertes Thema sind beispielsweise die Hausaufgaben am Wochenende. Dabei wurde tatsächlich darüber diskutiert, ob der Freitagnachmittag bereits zum Wochenende gehört oder nicht.
Für mich ist wichtig: Die Unterrichts- und damit auch die Arbeitszeit der Schülerinnen und Schüler endet irgendwann. Ich halte wenig davon, Hausaufgaben vom Freitag auf Montag zu geben, die dann am Sonntagabend unter Stress erledigt werden.
Sie stehen Hausaufgaben grundsätzlich eher kritisch gegenüber?
Ja, zumindest vielen Formen von Hausaufgaben. Häufig erfüllen sie den Zweck, den sie eigentlich haben sollten, nicht. Wenn alle dieselbe Aufgabe bekommen, stellt sich die Frage: Warum soll ein Kind sie machen, wenn es die Übung oder den Inhalt längst verstanden hat? Und warum soll ein Kind sie allein zu Hause machen, wenn es diese noch nicht verstanden hat? Im schlimmsten Fall macht dann der Vater oder die Mutter die Aufgabe. Außerdem unterscheiden sich die Unterstützungsmöglichkeiten in den Familien enorm. Damit können Hausaufgaben Bildungsungleichheiten sogar verstärken.
Natürlich braucht es Übungsphasen. Und es kann sinnvoll sein, dass Schülerinnen und Schüler etwas einmal ohne unmittelbare Begleitung einer Lehrperson versuchen. Aber dann sollte klar sein, welchen Zweck diese Aufgabe erfüllt. Und sie sollte so gestaltet sein, dass sie der Schüler bzw. die Schülerin alleine lösen kann oder auch mit einer ungelösten Aufgabe und vielen offenen Fragen in die Schule zurückkommt.
Wenn Sie am Ende dieses Schuljahres sagen könnten: Da sind wir einen entscheidenden Schritt weitergekommen – welcher Bereich wäre das?
Es gibt mehrere kleinere Bausteine. Einer betrifft beispielsweise die Sprachkompetenzen bei der Matura. Gemeinsam mit der Freien Universität Bozen arbeiten wir daran, dass bestimmte Leistungen bei der Matura als Sprachnachweis für die Universität anerkannt werden können. Das finde ich wichtig, weil es zeigt: Kompetenzen werden nicht nur für die Schule erworben, sondern können auch unmittelbar für den weiteren Bildungsweg genutzt werden. Was mich aber besonders freut, ist die Bewegung, die wir derzeit unter dem Titel „Schule neu denken“ wahrnehmen. Viele Schulen haben sich auf den Weg gemacht. Hier wird sich der entscheidende Schritt nicht am Ende des Schuljahres zeigen, sondern hoffentlich viel nachhaltiger angelegt, durch viele kleine, aber konsequente Schritte.
Eine Schule sollte sich fragen, wo sie selbst Entwicklungsbedarf sieht und was zu ihr passt.
Warum gerade jetzt?
Weil immer mehr Lehrpersonen merken, dass sie mit bestimmten bestehenden Strukturen und Organisationsformen nicht mehr weiterkommen. Gleichzeitig erkennen Schulen zunehmend, dass sie eigentlich viel mehr Freiheiten haben, als häufig angenommen wird. Wir denken Schule oft in sehr starren Strukturen. Dabei wäre vieles möglich. Dazu kommen neue gesetzliche Möglichkeiten und neue Überlegungen zur Feedbackkultur oder zu stärker individualisierten Lernformen.
Wir bieten Schulen deshalb verschiedene Formen der Begleitung an. Es gibt beispielsweise Lehrgänge, bei denen Schulteams gemeinsam mit der Schulführungskraft überlegen: Wo stehen wir? Was zeigen interne oder externe Evaluationen? Wo besteht Entwicklungsbedarf? Was könnte der nächste Schritt sein? Dabei geht es nicht darum, den Schulen ein fertiges Modell überzustülpen. Entwicklung soll von den Schulen selbst ausgehen.
Einige dieser Schulen orientieren sich auch an der Alemannenschule Wutöschingen in Deutschland. Dort gibt es keinen klassischen Unterricht, dafür Lernateliers, Lernbegleitung und viel selbstorganisiertes Lernen. Was interessiert Südtiroler Schulen daran?
Zum Beispiel die Frage: Was macht eine gute Lernaufgabe aus? Oder: Was ist die Rolle einer guten Lernbegleitung? Es gibt Schulen, die sagen: Genau dort wollen wir uns weiterentwickeln. Sie erhalten Fortbildungen, Zugang zu Materialien und bei Bedarf Begleitung bei der Organisationsentwicklung. Das Entscheidende ist: Nicht jede Schule muss dasselbe übernehmen. Eine Schule sollte sich fragen, wo sie selbst Entwicklungsbedarf sieht und was zu ihr passt.
Wäre ein Modell wie Wutöschingen in Südtirol überhaupt möglich?
Sehr vieles davon wäre bei uns möglich. Als ich den ehemaligen Schulleiter Stefan Ruppaner dort kennengelernt habe, hat er mir erzählt, wie viele Dinge er in Wutöschingen zunächst gegen Widerstände und teilweise gegen bestehende Strukturen durchsetzen musste. Gleichzeitig habe ich ihm erklärt, was bei uns rechtlich bereits möglich wäre. Da gibt es erstaunlich viele Freiräume, die man sich hier nicht erst erkämpfen muss, sondern die man bereits nutzen kann.
Ich würde aber davor warnen zu sagen: Wir haben das dortige Schulmodell gesehen, und nächstes Jahr machen wir dasselbe. Wutöschingen hat sich über rund 15 Jahre entwickelt. Dort wurde nicht von heute auf morgen die gesamte Schule auf den Kopf gestellt. Genau so sollte Schulentwicklung auch bei uns funktionieren: Schritt für Schritt. Aber konsequent.

Können daraus in den kommenden Jahren tatsächlich Schulen entstehen, die ganz anders funktionieren als die klassische Schule?
Ich glaube, wir sind auf dem Weg dorthin. Es gibt bereits Schulen, die offene Lernformen ausprobieren, Lerncoaching anbieten oder stärker mit selbstorganisiertem Lernen arbeiten. In einer Mittelschule beispielsweise starten Klassen mit mehreren offenen Lernphasen pro Woche. Dort können Schülerinnen und Schüler Aufgaben wählen, sich im Raum bewegen und werden durch Lerncoaching begleitet.
Solche Veränderungen brauchen aber Zeit. Und man muss Schülerinnen und Schüler selbst einbeziehen. Sie müssen sich erst einmal Gedanken über ihr eigenes Lernen machen: Wie lerne ich eigentlich? Was hilft mir? Wo brauche ich Unterstützung?
Und die Eltern? Gerade bei offenen Lernformen dürfte schnell die Sorge entstehen, dass die Kinder weniger lernen.
Genau diese Sorge gibt es. Eltern fragen dann: „Bekommen unsere Kinder oder Jugendliche noch genug mit?“ Das müssen wir ernst nehmen und gut erklären. Schulen müssen zeigen, dass solche Modelle nicht einfach irgendeine spontane Idee sind, sondern auf Erkenntnissen der Lernforschung beruhen.
Gleichzeitig sollten wir Eltern nicht zu stark in die Verantwortung für Unterricht nehmen. Eltern können ihr Kind begleiten. Aber die Expertise für Lernen und Unterricht muss bei der Schule liegen.
Eltern orientieren sich ja nach wie vor an Noten.
Ja, und das ist interessant. Als wir in der Grundschule die Bewertung verändert und stärker beschreibende Formen eingeführt haben, gab es großen Widerstand – auch von Eltern. Eine Note erfüllt mehrere Funktionen. Sie ermöglicht scheinbar den Vergleich mit anderen. Dabei sollte Bewertung eigentlich zeigen, welchen Lernfortschritt ein Kind gemacht hat. Und gerade in der Unterstufe ist eine gute Note manchmal auch eine indirekte Bestätigung für die Eltern. Viele Mütter – meistens sind es nach wie vor die Mütter – lernen sehr viel mit den Kindern, packen die Schultasche, üben mit ihnen. Dann kann die gute Note auch als Bestätigung empfunden werden: Mein Einsatz hat sich gelohnt. Das zeigt aber gleichzeitig das Problem. Denn was bedeutet eine schlechte Note dann für Eltern, die diese Möglichkeiten nicht haben?
Lernen ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil ich eine konkrete Information später irgendwo abrufen muss. Lernen ist auch Gehirntraining.
Digitalisierung, Smartphones und inzwischen KI verändern den Alltag von Kindern massiv. Wie muss Schule darauf reagieren?
Wir wurden in der Corona-Zeit in der Digitalisierung enorm beschleunigt. Jetzt müssen wir genauer hinschauen und entscheiden: Wo wollen wir digitale Räume öffnen und wo bewusst nicht?
Digitalisierung kann Lernen unterstützen, etwa beim Sprachenlernen. Gleichzeitig müssen wir mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, womit sie konfrontiert sind und wie diese Systeme funktionieren. Bei ChatGPT beispielsweise sollte man verstehen, dass eine Antwort aufgrund von Wahrscheinlichkeiten erzeugt wird. Man sollte auch wissen, dass solche Systeme mit Daten trainiert werden und dass Ergebnisse überprüft werden müssen. Ich halte es für fatal zu sagen: Diese Hilfsmittel existieren ohnehin, also lassen wir Schülerinnen und Schüler einfach alles damit machen.
Ein Schüler könnte fragen: Warum soll ich noch Mathematik lernen, wenn mir KI alles ausrechnet?
Weil ich trotzdem Wissen und Kompetenzen brauche, um beurteilen zu können, ob ein Ergebnis überhaupt plausibel ist. Außerdem trainiert Mathematik etwas Grundsätzliches: komplexe Phänomene zu strukturieren, zu abstrahieren und Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht braucht man später nicht jeden Tag eine bestimmte Formel. Aber die Art des Denkens, die man dabei entwickelt, braucht man sehr wohl. Dasselbe gilt für das Auswendiglernen. Natürlich müssen wir nicht alles memorieren. Aber auch Memorieren schafft Verknüpfungen im Gehirn. Lernen ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil ich eine konkrete Information später irgendwo abrufen muss. Lernen ist auch Gehirntraining.
Das stellt aber auch Lehrpersonen vor große Herausforderungen. Nicht alle sind digital affin.
Natürlich. Die Geschwindigkeit, mit der sich neue Technologien entwickeln, überfordert auch uns Erwachsene teilweise. Wir haben gemerkt, dass klassische Fortbildungen manchmal schon zu hoch ansetzen. Ein digital sehr affiner Referent startet auf einem Niveau, bei dem andere Lehrpersonen kaum noch folgen können. Deshalb entstehen an Schulen zunehmend niederschwellige Unterstützungssysteme. Digital affine Kolleginnen und Kollegen zeigen anderen ganz konkret: Wie funktioniert dieses Tool? Wie mache ich das?
Nicht jede Lehrperson muss digital begeistert sein. Aber es gibt einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle bewegen können müssen. Gleichzeitig gibt es auch die andere Seite: Menschen, die extrem digital affin sind, müssen manchmal wiederum daran erinnert werden, dass nicht alles digital sein muss.
Wir müssen bewusst Räume schaffen, in denen Konzentration wieder möglich wird. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder.
Haben sich Schülerinnen und Schüler in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Ja, besonders was ihre Aufmerksamkeit betrifft. Kinder und Jugendliche sind heute permanent mit sehr vielen Reizen konfrontiert: Bild, Ton, Smartphone, soziale Netzwerke, Informationen auf unterschiedlichen Kanälen. Wir müssen anerkennen, dass es ihnen schwerer fällt, sich sehr lange auf eine Sache zu konzentrieren. Als Lehrperson kann ich dann nicht einfach sagen: „Die wollen nicht mehr aufpassen.“ Ich muss darauf reagieren. Ein Impuls muss vielleicht kürzer werden. Und gleichzeitig müssen wir bewusst Räume schaffen, in denen Konzentration wieder möglich wird. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder. Setzt man Erwachsene einen ganzen Tag in eine Fortbildung, in der sie nur zuhören sollen, funktioniert das genauso wenig.
Ein Dauerthema in Südtirol bleibt die Zweitsprache. Warum lernen viele Jugendliche Englisch scheinbar leichter oder lieber als Italienisch beziehungsweise Deutsch?
Weil Deutsch und Italienisch in Südtirol nicht einfach nur Sprachen sind. Sie sind historisch, gesellschaftlich und politisch aufgeladen. Englisch ist viel neutraler. Beim Englischen beginnen im Grunde alle als Lernende. Beim Italienischen oder Deutschen habe ich dagegen ständig Menschen vor mir, die diese Sprache perfekt sprechen. Das erhöht auch die Hemmschwelle. Man möchte keine Fehler machen und sich nicht blamieren.
Ich habe sogar erlebt, dass deutsch- und italienischsprachige Jugendliche miteinander Englisch gesprochen haben. Da sind beide auf ähnlichem Niveau und Fehler fühlen sich weniger peinlich an.
Gibt es darüber hinaus strukturelle Probleme beim Zweitsprachunterricht?
Ja, besonders an Mittel- und Oberschulen sind Zweitsprachlehrpersonen oft keine ausgebildeten Sprachlehrpersonen. Jemand hat beispielsweise italienische Literatur studiert und unterrichtet anschließend Italienisch als Zweitsprache.
Das ist etwas anderes, als darauf vorbereitet zu werden, einem Menschen eine Sprache beizubringen. Ich habe selbst Germanistik studiert. Damit wusste ich sehr viel über die deutsche Sprache und Literatur, aber ich hätte am Ende des Studiums nicht automatisch gewusst, wie ich einem Menschen Deutsch als Fremdsprache beibringe. Darauf haben wir in den Ausbildungswegen reagiert. Der Bereich Italienisch als Zweit- beziehungsweise Fremdsprache spielt inzwischen eine stärkere Rolle.
Würde allein eine bessere Ausbildung der Lehrpersonen schon etwas verändern?
Ich glaube, das würde einen Schub bringen und auch die Lehrpersonen selbst stärken. Aber es reicht nicht. Entscheidend ist auch die gesellschaftliche Haltung zur jeweils anderen Sprache. Wenn Kinder von zu Hause oder aus ihrem Umfeld die Botschaft bekommen: „Diese Sprache brauche ich ohnehin nicht“, wird es sehr schwierig, Motivation dafür zu entwickeln. Und die Möglichkeiten sind sehr unterschiedlich. Manche Kinder haben außerhalb der Schule ständig Kontakt mit der anderen Sprache, andere praktisch nie. Das schafft enorme Unterschiede innerhalb einer Klasse.
Alles, was sich gesellschaftlich verändert, kommt auch in der Schule an. Und deshalb muss sich Schule weiterentwickeln.
Braucht es deshalb mehr gemeinsame Schulen oder zumindest mehr gemeinsamen Unterricht zwischen deutscher und italienischer Schule?
Ich finde die Idee sehr interessant. In Bozen, Meran oder auch im Unterland gibt es bereits Schulen, in denen deutsche und italienische Schule im selben Gebäude untergebracht sind und teilweise zusammenarbeiten. Solche Modelle können Möglichkeiten schaffen, miteinander in Kontakt zu kommen. Aber auch da gibt es keinen Automatismus. Nur weil zwei Sprachgruppen im selben Gebäude sind, bedeutet das noch nicht automatisch, dass Sprache gelernt und wertgeschätzt wird. Entscheidend bleibt die Haltung. Wollen wir als Gesellschaft diese Zweisprachigkeit überhaupt? Und wenn wir sie wollen: Was tun wir auf allen Ebenen dafür?
Haben Sie den Eindruck, dass dieser Wille schwächer geworden ist?
Teilweise ja. Auch politisch. Und das erfüllt mich durchaus mit Sorge. Sobald darüber gesprochen wird, wie man die Sprachgruppen stärker zusammenbringen könnte, entsteht sehr schnell die Angst, dass jemandem dadurch etwas weggenommen wird. Gleichzeitig sehe ich aber auch viele Familien, denen Zweisprachigkeit wieder sehr wichtig ist. Manche Eltern sagen: Ich habe die andere Sprache selbst nicht gut gelernt und habe später im Berufsleben gemerkt, wie hinderlich das ist. Mein Kind soll diese Möglichkeit bekommen. Es gibt also beides.
Schule ist ein ziemlich komplexes System. Was lässt Sie trotzdem positiv auf das neue Schuljahr blicken?
Dass Schule nach wie vor ein Spiegel der Gesellschaft ist. Sie ist kein abgeschlossenes System unter Laborbedingungen. Alles, was sich gesellschaftlich verändert, kommt auch in der Schule an. Und deshalb muss sich Schule weiterentwickeln.
Und was mich vor allem zuversichtlich macht: Es gibt sehr viele engagierte und motivierte Lehrpersonen. Menschen, die sich fragen: Wen habe ich vor mir sitzen? Was brauchen diese Kinder und Jugendlichen? Wie kann ich sie unterstützen? Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sehr viele Lehrpersonen Kinder und Jugendliche mögen und Freude daran haben, ihnen etwas mitzugeben. Diese Überzeugung lasse ich mir auch von denen nicht nehmen, die Bildung am Abgrund beschwören.




