Krankenhausschule Bozen

Hier ist Schule – ein Stück Normalität im Krankenhaus

Dienstag, 10.2.2026

Kinder, die aufgrund ihrer Krankheit monatelang keine Regelschule besuchen dürfen, finden in der Krankenhausschule Bozen einen geschützten Lernort. Ulrike Grünberger unterrichtet auf der onko-hämatologischen Tagesklinik – dort, wo Schule Normalität schafft in einem von Krankheit geprägten Alltag.

Ein Dienstag Anfang Februar. Es ist ein ruhiger Tag. Zwei Kinder sind da: ein Erstklässler, der lesen und rechnen lernen soll, und eine Oberschülerin, die sich auf eine Latein-Schularbeit vorbereitet. Ablativus absolutus, Participium coniunctum. An anderen Tagen beleben mehrere Kinder den kleinen Klassenraum. Immer wieder kommt es vor, dass eine Infusionspumpe zu piepsen beginnt, ein Schüler oder eine Schülerin zur Blutprobe muss oder zwischendurch eine Krankenschwester hereinkommt. Unterricht findet trotzdem statt.
Was hier passiert, ist keine gewöhnliche Schule. Es ist die Krankenhausschule im Krankenhaus Bozen, angesiedelt auf der onkologischen Tagesklinik. Ulrike Grünberger unterrichtet Kinder, die über Monate – manchmal über ein ganzes Jahr – keine Regelschule besuchen dürfen. Schule wird hier zu einem geschützten Raum, zu einem Stück Normalität zwischen Therapien, Untersuchungen und Warten.

INFO: Frau Grünberger, Sie unterrichten an der Krankenhausschule in Bozen, konkret auf der onko-hämatologischen Station. Was ist eine Krankenhausschule – und welche Aufgabe hat sie?

Ulrike Grünberger: Wir sprechen hier von Kindern, die über mehrere Monate bis zu einem Jahr keine „normale“ Schule besuchen dürfen. Damit sie durch ihre Erkrankung nicht auch noch zusätzlich ein Schuljahr verlieren, gibt es die Krankenhausschule. Krebskranke Kinder dürfen aus medizinischen Gründen keinen Kontakt zu anderen Kindern haben oder wären zum Teil körperlich gar nicht in der Lage, regulär am Unterricht teilzunehmen.
Sie kommen aber ins Krankenhaus – in einen geschützten Rahmen. Es handelt sich um ein Day-Hospital: Die Kinder sind in der Regel nicht stationär, sondern kommen tagsüber zu ihren Therapien und besuchen dann auch die Krankenhausschule. Nur wenn es ihnen schlechter geht, werden sie stationär aufgenommen – auch dann werden sie, wenn es ihre körperliche Verfassung zulässt, schulisch betreut.

Ulrike Grünberger

Gibt es mehrere Krankenhausschulen in Südtirol?

Ja. In Bozen gibt es eine Krankenhausschule auf der Pädiatrie und eine im onkologischen Day Hospital, jeweils mit deutsch- und italienischsprachigen Lehrpersonen. In Meran werden Schülerinnen und Schüler der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Pädiatrie unterrichtet. In Brixen wird Unterricht sowohl in der Pädiatrie als auch für Jugendliche mit Essstörungen angeboten. In Bruneck gibt es eine Krankenhausschule auf der Pädiatrie. Insgesamt sind es mehrere kleine Standorte, jeweils mit ein oder zwei Lehrpersonen.

Wie ist die Krankenhausschule organisatorisch eingebettet? Wer entscheidet, ob ein Kind unterrichtet wird?

Alle schulpflichtigen Kinder haben grundsätzlich die Möglichkeit, die Krankenhausschule zu besuchen. Wie oft sie kommen, hängt stark von ihrer Situation ab. Manche kommen nur einmal pro Woche an ihrem Therapietag in die Krankenhausschule. Kinder, die sich in der Akutphase befinden, besuchen teils täglich oder mehrmals wöchentlich die Schule auf der Station.
Es ist sehr individuell. Auch der Herkunftsort der Kinder spielt eine Rolle. Manche Kinder kommen von weit her, zum Beispiel aus dem Vinschgau oder dem Pustertal. Entsprechend verändert sich ihr Rhythmus. Das macht die Situation komplex – und verlangt viel Flexibilität.

Wie gelingt es, unter diesen Bedingungen Unterricht zu organisieren?

Flexibilität ist das A und O. Es gibt Grundstrukturen: Kinder, die sich in der Erhaltungstherapie befinden, haben meist wöchentlich ihren fixen Tag. Zusätzlich gibt es Kinder, die täglich kommen, sowie solche, die stationär aufgenommen sind. Kinder mit einer hämatologischen Erkrankung kommen in unregelmäßigen Abständen.
Wir planen von Tag zu Tag: Wer kommt morgen? Welche Fächer stehen an? Mit älteren Schülerinnen und Schülern sprechen wir uns im Vorfeld ab. Wir stehen in ständigem Austausch mit den Herkunftsschulen, erhalten Programme, Unterlagen oder konkrete Themen. Wenn in der Schule gerade Algebra, Latein oder Lesenlernen dran ist, versuchen wir, das in komprimierter Form hier auch durchzuführen.

In erster Linie geht es darum, ein Stück Normalität zu schaffen. Schule wird hier zu einer Insel der Normalität im Krankenhausalltag.

Was ist das wichtigste Ziel der Krankenhausschule: Stoffvermittlung oder etwas anderes?

In erster Linie geht es darum, ein Stück Normalität zu schaffen. Schule wird hier zu einer Insel der Normalität im Krankenhausalltag. In unserem Klassenraum ist Schule: Wir sprechen nicht über Krankheit, sondern über Mathe, Deutsch oder Latein. Auch optisch – wir tragen keine Krankenhauskleidung. Allerdings tragen auf der Station alle einen Mundschutz.
Gleichzeitig bietet Schule Ablenkung von der Krankheit, gibt Struktur und schafft Teilhabe. Die Kinder gehören weiterhin zu ihrer Klasse, sie wollen zurückkehren. Unser Ziel ist es, dass sie auch stofflich wieder dort andocken können, sobald sie wieder in ihre Herkunftsschule zurückdürfen. Deshalb hat die Krankenhausschule mehrere Funktionen: Normalität, Wissensvermittlung und soziale Anbindung.

Hatten Sie heute Unterricht? Mit wie vielen Kindern?

Heute war ein ruhiger Tag. Es waren lediglich zwei Kinder in der Schule – ein Kind aus der ersten Grundschule und eine Jugendliche aus der dritten Oberschule. Es gibt aber auch Tage mit fünf oder sieben Kindern, die gleichzeitig unterrichtet werden müssen. Dann wird es organisatorisch sehr anspruchsvoll, denn unser Raum ist klein. Außerdem müssen wir täglich vor Unterrichtsbeginn gemeinsam mit dem interdisziplinären Team besprechen, wer mit wem zusammen sein darf, wer isoliert unterrichtet werden muss. Wir müssen auch darauf achten, ob ein Kind besonders müde ist und am Krankenhausbett unterrichtet wird.

Was haben Sie heute (einem Dienstag Anfang Februar, Anm. d. Red.) konkret unterrichtet?

In der Oberschule stand Latein auf dem Programm, Vorbereitung auf eine Schularbeit. Mit dem Grundschulkind haben wir gelesen und gerechnet. Außerdem haben wir heute Girlanden für Fasching gebastelt und die Station dekoriert. Auch das gehört dazu.

Das reicht von Lesenlernen bis Latein. Braucht es dafür eine spezielle Ausbildung?

Wir sind ausgebildete Lehrpersonen. Ich komme ursprünglich aus der Mittelschule und war lange Sportlehrerin. Zusätzlich habe ich eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung in Heilstättenpädagogik in Oberösterreich absolviert. Die andere Lehrperson kommt aus der Grundschule.
Die heilstättenpädagogische Ausbildung ist keine Voraussetzung, aber sehr sinnvoll. Sie umfasst medizinische, psychologische und soziale Aspekte. Von unseren zehn Krankenhauslehrpersonen haben inzwischen die meisten diese Ausbildung abgeschlossen oder begonnen.

Wichtig ist, dass die Kinder schulisch „dranbleiben“ und ihre Leistungen anerkannt werden – trotz der Krankheit.

Werden die Kinder ganz normal benotet – und zählen diese Noten auch für die Regelschule?

Ja, die Leistungen der Kinder werden ganz normal bewertet, allerdings nicht von uns, sondern von den Lehrpersonen der jeweiligen Herkunftsschule. Vor allem in der Mittel- und Oberschule bekommen wir die Schularbeiten von den Schulen zugeschickt – teils identisch mit jenen der Klasse, teils angepasst, weil wir natürlich nicht immer den gesamten Stoff abdecken können.
Die Schülerinnen und Schüler schreiben diese Arbeiten bei uns unter denselben Bedingungen wie in der Schule, also unter Aufsicht und natürlich ohne Handy. Anschließend schicken wir die Arbeiten digital an die Schule zurück, wo sie korrigiert und benotet werden. Diese Noten gelten ganz regulär.
Wenn Schularbeiten aufgrund von Therapiephasen nicht möglich sind, werden alternativ Hausaufgaben oder Arbeitsaufträge bewertet. Gerade bei jüngeren Kindern ist das häufig der Fall. Wichtig ist, dass die Kinder schulisch „dranbleiben“ und ihre Leistungen anerkannt werden – trotz der Krankheit.

Was war Ihre persönliche Motivation für diesen Wechsel?

Die Lust auf eine neue Herausforderung. Ich habe den Hinweis auf diese Ausbildung gelesen und gespürt: das interessiert mich. Meine eigenen Kinder waren schon groß, also war es machbar, die dreijährige Ausbildung in Oberösterreich zu absolvieren. Dass sich dann relativ schnell die Möglichkeit ergab, an die Krankenhausschule zu wechseln, war ein glücklicher Zufall. Heute, in meinem zweiten Jahr, kann ich sagen: Ich bin sehr glücklich dort.

Wie erleben die Kinder den Unterricht?

Die meisten kommen sehr gerne. Hier erleben sie Schule anders – oft eins zu eins, manchmal altersgemischt. Das intensive Arbeiten an „normalen“ Inhalten gibt ihnen Halt. Außerdem wird stets versucht, den Unterricht durch Bewegungspausen, die gerade auch für diese Kinder von großer Bedeutung sind, aufzulockern. Spiel und Spaß haben auch hier ihren Platz.
Kann so etwas wie Klassengemeinschaft entstehen?
Meist nicht, weil die Zusammensetzung täglich wechselt. Aber es gibt Ausnahmen. Letztes Jahr kamen zwei Jungen und ein Mädchen über Monate täglich und durften meist gemeinsam unterrichtet werden – da entstand tatsächlich eine kleine Klassengemeinschaft. Solche Momente sind besonders.

Klassenraum in der Krankenhausschule in Bozen

Welche Unterstützung bekommen Sie selbst – fachlich und emotional?

Fachlich muss man viel selbst leisten, sich einarbeiten, vorbereiten. Schließlich müssen wir zwei Lehrpersonen alle Fächer in allen Altersstufen, von der Grundschule bis zur Oberschule unterrichten. Auf der Station sind wir ein sehr gutes Team. Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger, Psychologinnen und Psychologen sowie Lehrpersonen – alle arbeiten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Das ist entscheidend.

Was bedeutet Lernen, wenn der Körper nicht mitmacht?

Natürlich ist es nicht einfach, wenn ein Kind stark geschwächt ist. Aber dennoch finden Kinder und Jugendliche häufig gerade im Lernen von Neuem eine gewisse Kraft, mit der Krankheit umzugehen. Vielleicht weil sie in solchen Lernmomenten, die Möglichkeit haben endlich wieder Schülerin und Schüler und nicht nur Patientin und Patient zu sein. Lernen gibt Hoffnung auf Zukunft. Man lernt ja für etwas, das noch kommt. Auch Eltern empfinden dies meist so.

Wie gelingt Nähe – ohne sich selbst zu verlieren?

In der Ausbildung wurde uns gesagt: Auch wir Lehrpersonen brauchen einen „Schutzmantel“, den wir beim Verlassen des Krankenhauses ablegen. Nähe zulassen, aber das Leid nicht mit nach Hause nehmen. Außerdem ist eine gute Psychohygiene wichtig. Ich fahre täglich mit dem Rad zur Arbeit, mache viel Sport – das hilft. Es gelingt mir meistens gut.

Trotz der traurigen Umstände ist die Station und mit ihr die Krankenhausschule ein sehr fröhlicher Ort.

Wie wird mit Tod umgegangen, wenn ein Kind stirbt?

In solchen Situationen werden unsere Patientinnen und Patienten von den Psychologinnen und Psychologen begleitet. Kinder verarbeiten das auf ihre Weise. Ein Schüler sagte einmal, ein verstorbenes Mädchen könne jetzt mit seinem Hamster im Himmel spielen. Jugendliche tun sich mit dem Thema Tod schwerer.

Was könnte an der Krankenhausschule noch verbessert werden?

Mehr Sichtbarkeit. Viele wissen gar nicht, dass es die Krankenhausschule gibt – oder stellen sich darunter etwas anderes vor. Wenn man erklärt, was wir tun, ist das Verständnis groß. Insgesamt läuft die Krankenhausschule gut. Trotz der traurigen Umstände ist die Station und mit ihr die Krankenhausschule ein sehr fröhlicher Ort.

Zum Schluss: Was haben Sie durch diese Arbeit über Kinder – und über das Leben – gelernt?

Gelassenheit. Viele Dinge nehme ich nicht mehr so schwer. Die Geduld der Kinder und Eltern beeindruckt mich sehr. Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Das Leben auch nicht. Ich bin ruhiger geworden – und sehr dankbar.

INFO Redaktion

Krankenhausschule Bozen

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