Interview mit Fiona Pichler
„Die Welt gehört den Mutigen“

Mit einem Praktikum sammelte Fiona Pichler wichtige Erfahrungen für ihre berufliche Zukunft – und erkannte zugleich, wie viele Hürden Menschen mit Behinderung noch überwinden müssen. Im INFO-Interview spricht sie über persönliche Assistenz, Chancen und ihre Wünsche für die Zukunft.
Im vergangenen Schuljahr absolvierte die 18-jährige Fiona Pichler aus Kaltern ein Praktikum im Ressort von Landesrat Philipp Achammer. Die Schülerin des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums in Bozen kommuniziert nicht über Lautsprache und bewegt sich mit einem Rollstuhl fort. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen, über fehlende persönliche Assistenz* und darüber, was sich für Menschen mit Behinderung in Südtirol ändern muss.
INFO: Du hast Ende Mai ein Praktikum im Büro von Landesrat Philipp Achammer absolviert. Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Fiona Pichler: Ich habe dem Landesrat eine Anfrage geschickt und er hat sofort zugesagt. Es war viel einfacher, einen Praktikumsplatz zu bekommen, als ich erwartet hatte. Während des Praktikums habe ich viele Menschen kennengelernt und die unterschiedlichen Dienste und Bereiche des Ressorts gesehen. Ich konnte meine Sorgen in Bezug auf meine Zukunft mitteilen. Das hat mir geholfen, meine Möglichkeiten besser einzuschätzen. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, wie wenige Wahlmöglichkeiten ich tatsächlich habe.
Was meinst du damit?
Ich kann nicht frei entscheiden, welches Studium, welche Weiterbildung oder welchen Beruf ich wählen möchte. Ich brauche persönliche Assistenz, um arbeiten und kommunizieren zu können. Diese Unterstützung gibt es derzeit aber nicht in ausreichendem Maß. Gleichzeitig habe ich beim Praktikum Menschen kennengelernt, die mir vielleicht auf meinem weiteren Weg helfen können.
Welche Aufgaben hast du während des Praktikums übernommen?
René Ploner, der persönliche Referent des Landesrates, hat für mich einen genauen Plan zusammengestellt. Dadurch konnte ich die verschiedenen Bereiche des Ressorts kennenlernen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mir ihre Aufgaben erklärt. Besonders spannend war, dass ich selbst Interviews führen durfte – eines mit Landesrat Philipp Achammer und eines mit der Gleichstellungsrätin Brigitte Hofer. Das Interview mit Philipp Achammer wurde sogar auf stol.it veröffentlicht.

Hat das Praktikum deine Vorstellungen von deiner beruflichen Zukunft verändert?
Vor allem hat es mir gezeigt, dass sich noch vieles ändern muss. Ich habe viele Fragen zur Matura, zu Weiterbildungsmöglichkeiten und zur persönlichen Assistenz gestellt. Darauf habe ich oft keine zufriedenstellenden Antworten bekommen. Mir wurde bewusst, dass ich ohne bessere Unterstützung gar nicht frei entscheiden kann, wie mein weiterer Bildungs- oder Berufsweg aussehen soll.
Was müsste sich konkret ändern?
Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten für Weiterbildung, mehr persönliche Assistenz und auch mehr finanzielle Unterstützung. Wie soll ich mir das alles sonst leisten? Wer unterstützt mich dabei, meine Ziele zu erreichen? Und wer arbeitet an den Orten, an denen ich Unterstützung brauche? Ich suche nach einer Person, die mit mir einen guten Weg findet.
Welche Bedeutung haben Praktika für junge Menschen mit Behinderung?
Ich glaube, Praktika sind für alle jungen Menschen wichtig, weil sie verschiedene Berufe kennenlernen können. Gleichzeitig sehen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dadurch, welche Fähigkeiten Menschen mit Behinderungen mitbringen. So können Ängste und Vorurteile abgebaut werden.
Was würdest du Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern sagen, die noch zögern, Menschen mit Behinderungen einen Praktikumsplatz oder eine Arbeitsstelle anzubieten?
Die Welt gehört den Mutigen.
Ich muss meinen eigenen Arbeitsplatz praktisch selbst erfinden, weil viele bestehende Arbeitsplätze nicht zu meinen Fähigkeiten passen.
Kannst du dir schon vorstellen, was du später beruflich machen möchtest?
Solange das Thema persönliche Assistenz und Arbeitsassistenz nicht besser gelöst wird, kann ich das noch gar nicht sagen. Mich interessieren Journalismus, Gerechtigkeit, Konzerte, Reisen und andere Kulturen, zum Beispiel die Mongolei oder Mexiko. Ich lerne gerne neue Menschen kennen und finde es spannend, Fragen zu stellen und ihre Ideen kennenzulernen. Deshalb interessieren mich Interviews besonders.
Wo siehst du derzeit die größten Hürden für Menschen mit Behinderung beim Einstieg in die Arbeitswelt?
Ich muss meinen eigenen Arbeitsplatz praktisch selbst erfinden, weil viele bestehende Arbeitsplätze nicht zu meinen Fähigkeiten passen. Dafür braucht es individuell angepasste Lösungen. In Südtirol fehlt dafür aber oft die notwendige Arbeitsassistenz. Es braucht mehr Mut, mehr Kreativität und eine positive Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen.
Ich möchte mich außerdem politisch einbringen und mitreden, damit sich die Situation verbessert. Es gibt noch viele Ungleichheiten. Ich möchte meine Ideen aufschreiben, sie mitteilen und etwas bewirken.
Was müsste sich verändern, damit Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen auf Ausbildung und Arbeit haben?
Es gibt viel zu wenige Beispiele dafür, was alles möglich ist. Viele wissen gar nicht, welche Potenziale Menschen mit Behinderung haben. Deshalb braucht es nicht nur mehr Assistenz, sondern auch ein Umdenken in der Gesellschaft. Menschen mit Behinderungen sind nicht weniger wert. Sie brauchen lediglich das richtige Umfeld, um ihre Fähigkeiten zeigen zu können – und Menschen, die an sie glauben.

Du hast einen Lehrgang zur Persönlichen Zukunftsplanung besucht. Was bedeutet das?
PZP steht für Personenzentrierte Zukunftsplanung. Dabei steht die planende Person mit ihren Wünschen, Ideen, Ängsten und Fähigkeiten im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Menschen, die sie unterstützen möchten, wird überlegt, wie sie ihre Ziele erreichen kann.
Was hast du aus diesem Lehrgang mitgenommen?
Ich habe gelernt, dass ich wertvoll bin. Eine Behinderung sagt etwas über meinen Körper aus, aber nichts über mich als Person. Ich kann mein Leben selbst gestalten – brauche dafür aber die richtige Unterstützung.
Hat dir die Persönliche Zukunftsplanung auch ganz konkret geholfen?
Ja. Andere Menschen haben mich und meine Bedürfnisse besser kennengelernt. Dadurch konnten sie mich gezielt unterstützen. So ist auch mein Praktikum bei der Gemeinde Kaltern entstanden, das ich diesen Sommer absolviert habe. Ohne die Persönliche Zukunftsplanung wäre das wahrscheinlich viel schwieriger gewesen. Ich werde auch in Zukunft diese Unterstützung brauchen.
Wenn du einen Wunsch an Politik, Schulen und Unternehmen frei hättest: Was würdest du dir wünschen?
Ich wünsche mir mehr persönliche Assistenz – bei der Arbeit, beim Wohnen, in der Freizeit und bei der Kommunikation. Vor allem wünsche ich mir aber eine personenzentrierte Haltung gegenüber allen Menschen. Ich kann auch ohne Lautsprache selbst Entscheidungen treffen und meinen eigenen Weg gehen. Dafür brauche ich Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen, an mich glauben und mich dabei unterstützen.
*Persönliche Assistenz unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten. Anders als bei der Pflege entscheiden die Betroffenen selbst, welche Unterstützung sie wann und von wem erhalten. Ziel ist eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildung, Beruf und gesellschaftlichem Leben. In Südtirol gibt es dafür den Landesbeitrag „Selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe“. Die Leistung ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft und steht daher nicht allen Menschen mit Unterstützungsbedarf zur Verfügung.



