Gesellschaftliche Bildung

„Jeder hat Gold in sich“

Montag, 19.10.2026
Kelechi Onyele bei der Herbsttagung in Sterzing

Was kann Schule vom Fußball lernen? Coach und DFB-Spezialtrainer Kelechi Onyele spricht im INFO-Interview über Lehrerinnen und Lehrer als Lebensbegleiter, Leistungsdruck und die Aufgabe von Schule, junge Menschen nicht nur zu unterrichten, sondern sie zu befähigen.

Kelechi Onyele spricht über Schule gerne in Bildern aus dem Sport. Kein Zufall: Der Frankfurter war selbst Fußballer und Tänzer, arbeitet heute als Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Motivation und ist Spezialtrainer für Motivation beim Deutschen Fußball-Bund. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen aus Sport, Wirtschaft, Kultur und Bildung.

Am 19. Oktober kommt Onyele nach Südtirol. Bei der Herbsttagung in Sterzing der Direktorinnen und Direktoren der deutschen Kindergärten und Schulen hält er eine Keynote zum Thema gesellschaftliche Bildung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Bildungseinrichtungen junge Menschen nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung stärken können.

Onyele spielte früher als Libero und war Kapitän seiner Mannschaft. Der Libero war jene Position hinter der Abwehr, von der aus man das Spiel vor sich hatte, dirigieren, absichern und den Spielaufbau mitgestalten konnte. Für Onyele war damit vor allem eines verbunden: Vertrauen. Sein Trainer habe ihm Verantwortung übertragen und ihm das Gefühl gegeben, die Mannschaft mitgestalten zu dürfen. „Ich durfte nicht nur spielen, sondern gestalten“, sagt er.

Gerade in einer Zeit, in der sich seine Eltern trennten und er auf dem Fußballplatz erlebte, wie unempathisch Eltern der gegnerischen Mannschaft mit ihm umgingen, sei diese Erfahrung prägend gewesen. Für 90 Minuten habe es nur das Spiel, die Mannschaft, seinen Trainer als Vorbild und die gemeinsame Aufgabe gegeben.

Von dort ist der Weg zur Schule für Onyele nicht weit. Denn auch dort, sagt er, gehe es um Vertrauen, Partizipation, Selbstwirksamkeit und darum, junge Menschen in ihren Stärken zu sehen.

INFO: Sie haben selbst Fußball gespielt, sogar als Libero und Kapitän. Im Fußball reicht es nicht, elf gute Einzelspieler auf den Platz zu stellen – sie müssen als Team funktionieren. Gilt das für Schule genauso?

Kelechi Onyele: Absolut. Ich glaube, es ist ein Privileg, wenn man schon während der Schulzeit erkennt, dass Schule mehr ist als Noten und Bücher. Man sitzt mit ganz unterschiedlichen Menschen in einem Raum und muss miteinander klarkommen. Wir haben früher in der Pause Fußball gespielt und gleichzeitig darüber gesprochen, wie schwierig Mathe gerade ist. Wir haben das geteilt.
Genau das ist für mich gesellschaftliche Bildung. Wir sind unterschiedlich, haben verschiedene Stärken und Hintergründe, sitzen aber gemeinsam da. Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, miteinander zu partizipieren, dann passiert gesellschaftliche Bildung oft schon, ohne dass man sie so nennt.
Wer sich durch wenige, ehrliche Worte eines Trainers oder einer Trainerin – auch abseits des Platzes – gesehen und wertgeschätzt fühlt, nimmt Kritik gerne an, wächst über sich hinaus und trägt seine Worte oft ein Leben lang im Herzen. Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler so behandeln, hinterlassen bleibende Spuren.

Wenn es einer Lehrperson gelingt, einem Kind das Gefühl zu geben: „Ich sehe dich, ich glaube an dich“, dann kann das unglaublich viel bewirken.

Einen guten Trainer bzw. eine gute Trainerin zeichnet auch aus, dass er oder sie die Stärken seiner Spielerinnen und Spieler erkennt und fördert. Ist das eine Aufgabe guter Lehrpersonen?

Ich denke schon. Aber dafür braucht es bestimmte Voraussetzungen. Wer andere fördern und fordern will, muss das ein Stück weit selbst vorleben. Kinder merken sehr schnell, ob eine Person wirklich für etwas brennt.
Ich habe großen Respekt vor Lehrpersonen. Sie sollen jedes Jahr wieder mit Enthusiasmus in eine neue Klasse gehen, auf viele unterschiedliche Persönlichkeiten eingehen und ihre eigenen Probleme möglichst vor der Klassenzimmertür lassen. Das ist eine enorme Aufgabe.
Wenn es einer Lehrperson gelingt, einem Kind das Gefühl zu geben: „Ich sehe dich, ich glaube an dich“, dann kann das unglaublich viel bewirken. Ein Kind kann eine schlechte Note geschrieben haben und trotzdem hören: „Du bist ein wertvoller Mensch, und ich weiß, dass etwas in dir steckt.“ Solche Sätze können ein Leben verändern.

Sie sprechen häufig vom „Lebens-Move“. Was meinen Sie damit?

Für mich ist alles Bewegung. Wir bewegen uns körperlich, geistig und emotional. Ich habe selbst gemerkt, dass mir Bewegung und Musik helfen, wenn ich Stress empfinde. Ich mache einen Song an, bewege mich und finde dadurch wieder einen Zugang zu mir selbst.
Schule ist ein Teil des Lebens. Es gibt nicht hier die Schule und dort das „richtige Leben“. Entscheidend ist, eine Verbindung zwischen beiden herzustellen. Was ich in der Schule lerne, sollte mir auch draußen helfen.
Der Lebens-Move bedeutet für mich deshalb, in Bewegung zu bleiben – geistig wie körperlich. Wer sich nicht bewegt, bleibt stehen. Auch beim Lernen.

Was können Schulen aus Ihrer Arbeit mit Sportlerinnen und Sportlern über Motivation, Selbstvertrauen und persönliche Entwicklung lernen?

Dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Im Sport kann kann es beispielsweise sein, dass jemand  aus einer wohlhabenden Familie kommt und die besten Trainer bekommt. Ein anderer wird nicht einmal zum Training gefahren, weil seine Eltern arbeiten müssen. Trotzdem stehen beide später in derselben Mannschaft.
Dann zählt: Was bringt jeder mit? Wie können wir gemeinsam unser Ziel erreichen? Wenn man sich gesehen fühlt, beteiligt man sich automatisch stärker. Das gilt auf dem Fußballplatz genauso wie im Klassenzimmer. Jeder bringt etwas mit, das die Gruppe braucht. Es geht darum, diese Unterschiede nicht als Problem, sondern als Stärke zu begreifen.

Schule soll heute Wissen vermitteln, aber gleichzeitig Selbstvertrauen, Empathie, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördern. Ist das bei vollen Klassen und knappen Ressourcen überhaupt realistisch?

Das ist eine sehr hohe Erwartung an Lehrpersonen. Einer einzelnen Person all das für 25 oder 30 sehr unterschiedliche Kinder abzuverlangen, finde ich schwierig.
Wenn wir das wollen, müssen wir Lehrpersonen auch die Voraussetzungen dafür geben: Zeit, Räume, Personal und Unterstützung. Viele würden gerne stärker auf einzelne Kinder eingehen, können es aber schlicht nicht. Wenn ich in einer großen Klasse pro Kind vielleicht eineinhalb Minuten Zeit habe, wie soll ich erkennen, ob ein Kind gerade eine Scheidung erlebt, krank ist oder aus einem anderen Grund nicht sprechen kann?
Wir verlangen sehr viel von Lehrpersonen. Deshalb müssen wir zuerst dafür sorgen, dass sie selbst nicht ausbrennen. Nur dann können sie Kindern das geben, was wir von ihnen erwarten.

Sie bezeichnen Lehrpersonen auch als Lebensbegleiter. Was meinen Sie damit?

Lehrpersonen können emotionale Befähiger sein. Sie können Kindern helfen, die Brücke zwischen Schule und dem Leben draußen zu schlagen. Dafür müssen sie aber selbst offen und lernfähig bleiben. Kinder und Gesellschaft verändern sich, also muss sich auch Schule weiterentwickeln.
Wir alle erinnern uns sofort an Lehrerinnen und Lehrer, die wir nicht mochten. Aber wir erinnern uns genauso an jene, die uns gefördert haben. Das zeigt, welchen Einfluss diese Menschen auf ein Leben haben können.
Ich selbst habe meine Lehrerinnen und Lehrer immer sehr genau beobachtet. Wie reden sie mit mir? Wie gehen sie mit anderen um? Wie verhalten sie sich, wenn sie sich unbeobachtet fühlen? Von manchen habe ich Dinge übernommen, bei anderen wusste ich: So möchte ich später nicht sein. Kinder studieren Erwachsene viel genauer, als wir glauben.

Der Klassenraum sollte ein Ort sein, an dem Kinder nicht nur etwas vorgesetzt bekommen, sondern lernen, ihr eigenes Lernen mitzugestalten.

Viele Jugendliche erleben Krisen, Unsicherheit und Leistungsdruck. Was brauchen sie von Erwachsenen in der Schule?

Zunächst das Verständnis dafür, dass Leistungsdruck tatsächlich Druck erzeugt. Leistung ist nichts Schlechtes. Aber wenn wir Leistung verlangen, sollten wir jungen Menschen auch zeigen, wie sie mit dem daraus entstehenden Druck umgehen können.
Wir können nicht 30 Kindern denselben Druck geben und erwarten, dass alle gleich darauf reagieren. Menschen sind unterschiedlich. Ein Kind kann eine schlechte Note bekommen und daraus schließen: „Ich bin nicht gut genug.“ Dabei sagt diese Note überhaupt nichts über seinen Wert als Mensch aus.
Deshalb fände ich wichtig, dass Schule nicht nur Leistung einfordert, sondern auch vermittelt: Was passiert mit mir, wenn ich unter Druck stehe? Wie gehe ich damit um? Wie komme ich wieder ins Gleichgewicht?

Wenn Sie heute eine Sache im Bildungssystem verändern könnten – welche wäre das?

Chancengleichheit. Und damit verbunden mehr Möglichkeiten zur Partizipation. Der Klassenraum sollte ein Ort sein, an dem Kinder nicht nur etwas vorgesetzt bekommen, sondern lernen, ihr eigenes Lernen mitzugestalten. Auch Lernen muss man lernen.
Dafür braucht es mehr Zeit, Ressourcen, Räume und Personal. Wenn Lehrpersonen alles zur Verfügung haben, was sie brauchen, können sie ihren Job viel besser machen – und wahrscheinlich auch mit noch mehr Freude.
Mein Wunsch wäre, dass ein Kind nach Hause kommt und nicht nur sagt: „Schule war okay.“ Sondern: „Das war heute großartig. Ich habe etwas gelernt, das mir in meinem Leben hilft.“ Dass Kinder das Gefühl haben: Dort werde ich gesehen. Dort werde ich befähigt. Vielleicht sagen sie irgendwann nicht mehr: „Ich muss in die Schule“, sondern: „Ich gehe in die Life School.“

Was lernen Sie selbst heute noch von den Menschen, die Sie coachen?

Dass man immer Lernender bleiben sollte. Man kann von jedem Menschen etwas lernen. Ich glaube wirklich: Jeder Mensch hat Gold in sich. Jeden Menschen gibt es nur einmal. Jeder hat etwas, das wachsen kann – wie eine Saat. Manchmal braucht es jemanden, der dieses Potenzial erkennt und dabei hilft, dass es aufgeht. Das hat nichts mit einer Schulnote zu tun. Es geht um die Frage: Weiß ich überhaupt, was ich kann? Habe ich Menschen um mich, die es mir zeigen? Deshalb ist für mich auch ein Klassenzimmer eine Talentschmiede. Dort sitzt unglaublich viel Potenzial. Vielleicht kann jemand hervorragend tanzen, singen oder Fußball spielen, ist aber schlecht in Mathe. Das bedeutet nicht, dass dieser Mensch weniger wertvoll ist.
Wir brauchen Menschen, die andere inspirieren, Kultur schaffen, Gemeinschaft ermöglichen. Schule kann der Ort sein, an dem junge Menschen zum ersten Mal erkennen: Da ist etwas in mir.

INFO Redaktion

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