Gesellschaftliche Bildung
„Demokratie muss man erleben“

Kinder und Jugendliche sollen Demokratie nicht nur lernen, sondern erleben, sagt Marina Weisband. Die Psychologin und Beteiligungspädagogin fordert mehr echte Mitbestimmung in Schulen – auch wenn das bedeutet, dass Schulleitungen Entscheidungen aushalten müssen, die ihnen nicht gefallen.
Marina Weisband war selbst keine politisch engagierte Schülerin. Im Gegenteil: Als Kind einer Einwandererfamilie aus der Ukraine habe sie Politik lange für etwas gehalten, „was die Deutschen unter sich ausmachen“. Politisiert wurde sie erst später – eher zufällig – über die Piratenpartei. Heute gehört die Diplom-Psychologin, Publizistin und Beteiligungsexpertin zu den bekanntesten Stimmen für demokratische Bildung im deutschsprachigen Raum.
Seit 2014 leitet sie das Beteiligungsprojekt „aula“, mit dem Schülerinnen und Schüler an inzwischen mehr als 90 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbindlich mitentscheiden können. Bei der Herbsttagung der Südtiroler Schulführungskräfte in Sterzing referierte Weisband als Keynote-Speakerin über gesellschaftliche Bildung, Partizipation und Selbstwirksamkeit.
INFO: Frau Weisband, wie politisch waren Sie selbst in der Schule?
Marina Weisband: Gar nicht. Absolut gar nicht. Ich war ein Immigrantenkind und habe gedacht: Politik ist das, was die Deutschen unter sich ausmachen. Für mich war das etwas für ältere Männer in Anzügen und mit Krawatten. Ich habe mich nicht nur nicht eingebracht, sondern mir nicht einmal die Frage gestellt, ob ich mich überhaupt einbringen darf. Für mich war die Antwort von Anfang an Nein. Ich hatte immer das Gefühl, dass sich sowieso niemand dafür interessiert, was ich zu sagen habe. Und ich weiß, dass es vielen jungen Menschen heute ähnlich geht.
Wann wurden Sie politisiert?
In der Piratenpartei. Ich habe zum ersten Mal gewählt, eher aus schlechtem Gewissen, weil meine Theaterregisseurin uns erklärt hatte, wie wichtig Wahlen sind. Ich habe die Piratenpartei gewählt, ohne besonders viel über sie zu wissen. Ich dachte: Das sind Nerds, ich bin ein Nerd, das passt irgendwie. Beim Wählen hatte ich dann plötzlich diesen Gedanken: Der deutsche Staat vertraut mir so sehr, dass ich hierherkommen und über die Zusammensetzung des Parlaments mitentscheiden darf. Ich dachte, dieser Verantwortung muss ich irgendwie gerecht werden. Was ist, wenn diese Partei in meinem Namen Mist baut? Also bin ich noch am selben Tag eingetreten. Ein paar Wochen später ging ich zum Stammtisch, irgendwann fehlten Kandidatinnen und Kandidaten für den Kreisvorstand und ich kandidierte. Ich bin mehr oder weniger aus Versehen in die Politik geraten.
Oder sie können lernen: Meine Aufgabe ist es, mitzugestalten und Verantwortung für mich und andere zu übernehmen.
Warum sollten Kinder und Jugendliche in der Schule mehr zu melden haben?
Weil Schule ihr Lebensraum ist. Kinder haben laut UN-Kinderrechtskonvention das Recht, an Angelegenheiten beteiligt zu werden, die ihr Leben betreffen. Und sie verbringen einen sehr großen Teil ihrer wachen Zeit in der Schule. Aber es geht noch um etwas anderes: Junge Menschen verlassen irgendwann die Familie und fragen sich, welche Rolle sie in der Gesellschaft haben. In der Schule können sie lernen: Meine Aufgabe besteht darin, hier zu sitzen, Dinge zu lernen und sie in Prüfungen wiederzugeben. Oder sie können lernen: Meine Aufgabe ist es, mitzugestalten und Verantwortung für mich und andere zu übernehmen. Damit prägen wir auch, ob Menschen sich später eher als Konsumentinnen und Konsumenten oder als Gestalterinnen und Gestalter von Gesellschaft begreifen.
Sie sagen, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung können nicht nur vermittelt, sondern müssen erlebt werden. Was bedeutet das konkret?
Verantwortung kann ich nicht in der Theorie lernen. Um Verantwortung zu lernen, muss ich sie tragen – für mich und für andere. Deshalb müssen alle Schülerinnen und Schüler regelmäßig die Möglichkeit bekommen, mitzubestimmen. Nicht nur die Schülervertretung oder Klassensprecherinnen und -sprecher. Junge Menschen müssen erleben: Wenn ich etwas tue, verändert sich tatsächlich etwas. Ich kann etwas bewirken.
Und das darf nicht nur einmal im Jahr während einer Projektwoche passieren. Es muss so regelmäßig stattfinden, dass es Teil des eigenen Selbstbildes wird.
Mit „aula“ können Schülerinnen und Schüler beispielsweise Ideen einbringen, diskutieren, darüber abstimmen und sie anschließend verbindlich umsetzen. Aber es muss nicht „aula“ sein. Entscheidend sind drei Dinge: alle beteiligen, regelmäßig beteiligen und verbindlich beteiligen.
Sie sprechen von vier häufigen Bedenken gegen mehr Beteiligung an Schulen. Welche sind das?
Der erste Einwand lautet: Wann sollen wir das auch noch machen? Das ist ein berechtigter Einwand, weil Schulen tatsächlich unter Zeit- und Ressourcenmangel leiden. Aus meiner Sicht ist das ein politisches Problem. Wir brauchen mehr Personal und weniger Prüfungen. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Prüfungen nicht besonders gut geeignet sind, Lernen zu fördern, und auch nicht unbedingt zuverlässig messen, wie gut jemand gelernt hat.
Das zweite Argument ist: Wir haben doch schon eine Schülervertretung. Natürlich ist Repräsentation wichtig. Aber dieses demokratische Erleben findet dann nur bei einem kleinen Teil der Schülerinnen und Schüler statt. In keinem anderen Unterricht würden wir sagen: Du musst keine Brüche lernen, weil deine Klassenkameradin sie schon gelernt hat. Wenn ich Demokratie vermitteln will, muss ich sie allen vermitteln.
Schule ist eigentlich eine richtige Monarchie.
Wie lauten die weiteren Einwände?
Einer betrifft bei „aula“ die digitale Plattform: Jugendliche würden ohnehin schon den ganzen Tag auf ihr Smartphone schauen. Aber sie sollen dort eben gerade nicht einfach konsumieren. Das Smartphone ist eine extrem mächtige Informationstechnologie. Warum sollten wir sie ausschließlich großen Plattformunternehmen überlassen? Wir können sie genauso für Demokratie und Gemeinschaft einsetzen.
Und das vierte Bedenken ist das schwierigste: „Die könnten ja etwas beschließen, was wir nicht wollen.“ Dahinter steckt die Angst vor Kontrollverlust.
Was passiert denn, wenn Schülerinnen und Schüler tatsächlich etwas beschließen, das der Schulleitung nicht gefällt?
Dann muss die Schulleitung das unter Umständen aushalten. Entscheidend ist, dass vorher transparent vereinbart wird, was möglich ist und was nicht. Bei „aula“ arbeiten wir deshalb mit einem Vertrag. Darin steht beispielsweise: Die Schülerinnen und Schüler dürfen nicht gegen Gesetze verstoßen, kein Personal entlassen und kein Geld ausgeben, das nicht vorhanden ist. Gleichzeitig steht dort aber auch ausdrücklich, was sie dürfen: die Hausordnung verändern, Veranstaltungen planen, Anschaffungen machen oder Räume gestalten. Vor einer Abstimmung prüft die Schulleitung, ob eine Idee innerhalb dieses Rahmens überhaupt umsetzbar ist. Damit vermeiden wir Pseudobeteiligung, bei der Jugendliche etwas beschließen und danach erfahren: Das geht leider doch nicht.
Wenn aber eine Idee zulässig und umsetzbar ist und die Schulleitung sie einfach persönlich nicht gut findet, muss sie damit leben. Das ist so gewollt.
Schule ist gleichzeitig ein sehr hierarchisches System. Wie passt das mit demokratischer Bildung zusammen?
Schwierig. Schule ist eigentlich eine richtige Monarchie. Lehrpersonen haben sehr viel mehr Macht als Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen wiederum mehr Macht als Lehrpersonen. Wie soll man in einem solchen hierarchischen System ein grundlegendes Verständnis für Demokratie entwickeln?
Deshalb muss Schule demokratischer werden. Und das bedeutet eben auch, dass Dinge passieren können, die Einzelnen nicht gefallen.
Natürlich bleiben Lehrpersonen und Schulleitungen Teil der Diskussion. Sie können ihre Bedenken äußern, mitdiskutieren und selbst Vorschläge einbringen. Aber manchmal müssen sie Entscheidungen der Schülerinnen und Schüler aushalten. Diese müssen schließlich jeden Tag sehr viele Entscheidungen anderer Menschen aushalten.
Wir müssen jungen Menschen deshalb vermitteln, dass sie selbst Entscheiderinnen und Entscheider sind.
Was zeigt Ihnen die Erfahrung mit „aula“ nach mehr als zehn Jahren?
Wir arbeiten derzeit mit Schülerinnen und Schülern ungefähr ab zehn Jahren und entwickeln gerade auch ein Konzept für Grundschulen. Inzwischen gibt es mehr als 90 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die mit „aula“ arbeiten. Was mich besonders freut: Unsere Evaluationen zeigen, dass die Selbstwirksamkeitserwartung steigt. Also das Gefühl: Wenn ich etwas tue, verändert sich wirklich etwas.
Das kann ganz klein beginnen – etwa mit einer Pflanze im Klassenzimmer – und später sehr viel größer werden. Schulen lassen Schülerinnen und Schüler zum Beispiel über Hausordnungen, Smartphone-Regeln oder Veranstaltungen mitentscheiden. An einer Schule haben Schülerinnen und Schüler erreicht, dass sie Lernzettel zu Klausuren mitnehmen dürfen. An einer anderen haben sie einen Abschlussball und ein regelmäßiges gemeinsames Frühstück organisiert.
Besonders große Effekte sehen wir übrigens an Schulen in herausfordernder Lage. Dort gibt es anfangs häufig großes Misstrauen: „Uns traut ohnehin niemand etwas zu. Warum sollte ich mich beteiligen?“ Wenn dann aber eine erste Idee tatsächlich umgesetzt wird, verändert sich etwas. Die Jugendlichen merken: Ich kann etwas bewirken.
Kann Schule angesichts von Polarisierung, Radikalisierung und sinkendem Vertrauen in demokratische Institutionen tatsächlich etwas entgegensetzen?
Schule ist nicht der schnellste Weg. Aber der schnellste Weg allein wird nicht reichen. Demokratie lebt von einer tiefen Überzeugung und von einem Selbstbild. Und dieses Selbstbild entwickelt sich über viele Jahre, besonders in der Jugend.
Wenn Schülerinnen und Schüler erleben: „Die Lehrer machen doch sowieso, was sie wollen“, kann daraus später sehr leicht werden: „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen.“ Genau diese Vorstellung – da oben sind die und hier unten sind wir – macht Menschen anfällig für Populismus.
Wir müssen jungen Menschen deshalb vermitteln, dass sie selbst Entscheiderinnen und Entscheider sind. Das ist langfristige Arbeit, aber gerade deshalb nachhaltig.
Sollten wir Kindern und Jugendlichen also schlicht mehr vertrauen?
Ja. Wir sollten ihnen vertrauen, weil sie Menschen sind. Demokratie basiert darauf, dass wir Menschen grundsätzlich zutrauen, Entscheidungen zu treffen. Wir prüfen schließlich auch bei Erwachsenen nicht, wie klug oder informiert jemand ist, bevor diese Person wählen darf. Ich sehe nicht, warum wir Kinder und Jugendliche grundsätzlich von diesem Vertrauen ausschließen sollten.




