„Musigkischtl“ an der Grundschule Ridnaun
Aber bitte mit Popcorn!

Wie ein Schulprojekt in Ridnaun zeigt, dass Volksmusik mehr sein kann als Tradition – und warum ein Elfjähriger bei der Abschlussveranstaltung an Kino denkt.
Der Duft kommt aus einem der Klassenräume. Süß, warm, ein bisschen nach Jahrmarkt. Er zieht sich durch das Schulhaus der Grundschule Ridnaun, steigt durch die Gänge, legt sich schließlich zwischen die Besucherreihen, zwischen Dirndln und Lederhosen, zwischen gespannter Erwartung und leisem Stimmengewirr.
Im Klassenraum steht Robin, elf Jahre alt, neben einer Popcornmaschine, die er von zu Hause mitgebracht hat. Noch trägt er sein Aufführungsgewand. „Wenn man ins Kino geht, gibt es schließlich auch Popcorn“, sagt er und zuckt mit den Schultern, als wäre das die selbstverständlichste Logik der Welt.
Wenige Augenblicke später beginnt unten in der Turnhalle die Musik.
Ein Auftakt wie im Kino
Die Kinder stellen sich auf, konzentriert, aufgeregt. Mit dem Reißverschluss-Auftanz eröffnen sie den Abschluss des Projekts „Musigkischtl“. Präzise und überraschend elegant greifen Kinderhände ineinander. Bewegung und Rhythmus finden die Grundschulkinder fast mühelos. Eltern, Großeltern, Geschwister füllen die Reihen der Turnhalle. Unter ihnen auch Vertreterinnen der Trägerorganisationen, die das Projekt begleiten. Für einen Moment ist es ganz still, bevor die ersten Schritte einsetzen. Dann hebt sich der Klang, getragen von der Steirischen Harmonika, und die Turnhalle wird zu einem Raum, in dem plötzlich alle im gleichen Takt sind.

Die, die alles zusammenhält
Mitten in diesem Geschehen steht – oder besser: bewegt sich – Lehrerin Esther. Sie wippt zur Musik mit, gibt leise Zeichen, lächelt den Kindern aufmunternd zu. Ihre stechend grüne Augen verfolgen die Gruppenauftritte der Kinder. Seit 32 Jahren unterrichtet sie hier in Ridnaun, und wer sie beobachtet, merkt schnell, dass dieser Beruf für sie mehr ist als Routine. Sie singt, greift selbstverständlich zu verschiedenen Instrumenten und hat sich durch eine musikpädagogische Ausbildung professionalisiert. Vor allem aber hat sie das Projekt „Musigkischtl“ in diesem Schuljahr an die Schule geholt. Sie hat das Motivationsschreiben verfasst, mit dem sich die Grundschule um die Teilnahme am aufwendigen Format „Musigkischtl XXL“ beworben hat – und ausgewählt wurde.

„Musik öffnet oft Türen, die im Klassenzimmer sonst verschlossen bleiben – gerade bei Kindern, die sich mit Worten schwertun“, sagt sie in einer kurzen Pause, bevor der nächste Programmpunkt beginnt.
Ein kleines Schulhaus mitten im Dorf
Die Grundschule, an der neben Lehrerin Esther sieben weitere Lehrpersonen unterrichten, liegt mitten in Ridnaun, gleich neben dem Kindergarten, nicht weit von der Kirche entfernt – und eingebettet in die ruhige Bergwelt des Ridnauntals. Fünf Klassenräume gibt es, aber nicht jede Schulstufe steht für sich. Die Kinder lernen zum Teil in Klassen mit Abteilungsunterricht, also über einzelne Jahrgänge hinweg – ein System, das den Austausch zwischen ihnen fördert und Gemeinschaft fast automatisch entstehen lässt. Vielleicht ist es genau diese Struktur, die dazu geführt hat, dass das „Musigkischtl“ hier anders umgesetzt wurde als geplant.
Was in diesem „Kischtl“ steckt
Eigentlich richtet sich das XXL-Format an die 4. und 5. Klassen. In Ridnaun aber wurden schließlich alle 45 Schülerinnen und Schüler einbezogen. Eine pragmatische Entscheidung – und im Rückblick eine glückliche.
„Die kurze Einheit mit den Kleinen war extrem bereichernd“, erinnert sich eine der externen Referentinnen, die am Projekt mitwirkte. „Sie lassen sich sofort auf die Volksmusik ein und haben der Abschlussveranstaltung einen zusätzlichen Farbtupfer gegeben.“

Das „Musigkischtl“ begreift Volksmusik nicht als museales Gut, sondern als lebendige Einheit aus Lied, Instrumentalmusik und Tanz. Getragen wird das Projekt von mehreren Partnern, darunter das Referat Volksmusik der Landesdirektion Deutsche und ladinische Musikschule, die Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Südtirol und der Südtiroler Volksmusikverein. Es geht darum, Neugier zu wecken, Freude zu vermitteln und Kindern – ebenso wie Lehrpersonen – einen direkten Zugang zur regionalen musikalischen Kultur zu eröffnen.
Vom ersten Schritt zum gemeinsamen Klang
In Ridnaun bedeutet das: fünf Doppelstunden und eine einstündige Abschlussfeier, intensive Vorbereitung und ein ständiges Austarieren von Niveau, Interesse sowie Tempo. Mit dabei drei externe Referentinnen: Luisa Jaeger, die als Kindertanzreferentin durch die Proben und später auch durch die Abschlussveranstaltung führt; Annelies Gschliesser, deren Steirische Harmonika den Takt setzt; und Christine Marsoner, die mit den Kindern singt – und ihnen Raum für eigene, selbstgedichtete Liedstrophen lässt.
Wenn Schritte noch stolpern
Wer bei den Proben dabei war, konnte beobachten, wie aus zaghaften ersten Versuchen etwas Eigenständiges wächst. Beim Siebenschritt gerät die Ordnung zunächst ins Wanken. Ein Paar dreht sich zu früh, ein anderes zögert, zwei Kinder verlieren den Anschluss. Die Lehrerin klatscht einmal in die Hände. „Nochmal“, sagt sie ruhig. Keine Ungeduld, kein Drängen. Beim zweiten Versuch greifen die Bewegungen ineinander, noch nicht perfekt, aber deutlich sicherer. Bei der Generalprobe laufen dann die Schritte fast wie selbstverständlich.
Am Rand zählt Kindertanzreferentin Jaeger den Takt leise mit, zeigt eine Drehung vor, wiederholt sie, bis auch die Jüngeren folgen können. Anfangs zögerlich, schauen sie mehr auf die Füße der anderen als auf die eigenen. Doch die Scheu hält nicht lange an. Sobald die Musik einsetzt, bewegen sie sich oft unbefangener als die Älteren.
Zwischen Reimlied und Klima-Rap
Beim Singen wird es zunächst lauter als geplant: Stimmen überschlagen sich, einzelne Kinder fallen aus dem Takt. Dann hebt Singreferentin Marsoner die Hand, und langsam wird daraus ein gemeinsamer Klang. Beim Lied „Liadl, Zither, Fallschirm, wia reimt sich des denn zomm“, das ganz vom Reimen lebt, tragen die Kinder eigene Verse vor, erfunden im Unterricht, mal verspielt, mal überraschend treffsicher.

Später setzen sie beim Volksliedklassiker „Hons, bleib do, du woasch jo net, wia ’s Wettr wert“ ein. Dazu tragen sie einen Klima-Rap vor, neu gefasst von Johanna und Elias Mader, die beide an Südtiroler Musikschulen unterrichten. Die Kinder präsentieren ihn mit hörbarer Lust und einem Gespür dafür, wie sich Tradition neu erzählen lässt.
Harmonika oder Gitarre geben den Rhythmus vor, ruhig und verlässlich. „Am schönsten ist der Moment, wenn plötzlich alle im gleichen Takt sind – dann spürt man, dass die Kinder nicht nur etwas gelernt haben, sondern Teil von etwas geworden sind“, sagt Lehrerin Esther.
Vielleicht sind es genau diese Momente, die das Projekt tragen: Im gemeinsamen Singen, Tanzen und Musizieren treten Unterschiede, die im Schulalltag oft sichtbar sind, in den Hintergrund.
Eine Veranstaltung, die nachklingt
Zurück in der Turnhalle verdichtet sich das Programm: Polka, Siebenschritt, Sternpolka, schließlich die Zigeunerpolka. Die Kinder bewegen sich sicher, fast selbstverständlich, und greifen zu den erlernten Instrumenten. Das Publikum folgt ihnen mit Blicken, Applaus, manchmal auch mit leiser Rührung. Kindertanzreferentin Jaeger moderiert kenntnisreich durch die Veranstaltung, verbindet Tradition mit kleinen Erklärungen, die nie belehrend wirken. Referentinnen und Lehrpersonen der Grundschule Ridnaun sind jetzt eher im Hintergrund und lassen den Kindern die Bühne.

Nach dem letzten Tanz verlagert sich das Geschehen kurz nach draußen. Vor der Schule zeigen zwei Schüler, wie sie „Goaßlschnölln“ können. Die Peitschen knallen durch die Luft, ein scharfer, archaischer Klang, der durch das Dorf hallt und noch eine Weile nachklingt.
Im Klassenraum steht Robin wieder bei seiner Popcornmaschine. Vor der Tür hat sich eine kleine Schlange gebildet. Ein paar Kinder summen, während sie warten.
Vielleicht bleibt nicht jeder Schritt, nicht jeder Liedtext. Aber etwas davon.
Oder, ganz einfach gesagt: Manchmal braucht es nicht viel. Ein paar Lieder. Ein paar Schritte. Ein „Musigkischtl“. Und vielleicht ein bisschen Popcorn.




