Kristin Thielemann über gutes Feedback im Musikunterricht
„Wind in die Segel pusten“

Feedback begleitet junge Musikerinnen und Musiker oft ein Leben lang. Kristin Thielemann, eine der bekanntesten Expertinnen der Musikpädagogik, erklärt im INFO-Interview, warum Rückmeldungen im Musikunterricht besonders wirksam sind, wie sie motivieren statt verunsichern – und was Schule insgesamt davon lernen kann.
Kristin Thielemann gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Musikpädagogikszene. Die ehemalige Trompeterin im Orchester der Deutschen Oper Berlin hat beim Verlag Schott Music zahlreiche erfolgreiche Lehrwerke veröffentlicht, viele davon international übersetzt. Als Dozentin, Fortbildnerin und Host des Podcasts „Voll motiviert“ beschäftigt sie sich intensiv mit Motivation, Lernen und Feedback. Im Gespräch spricht sie darüber, worauf es bei Rückmeldungen im Musikunterricht – und darüber hinaus – wirklich ankommt.
INFO: Im Musikschulunterricht spielt Feedback eine besonders große Rolle. Was ist hier anders als in anderen Lernsettings?
Kristin Thielemann: Im Musikschulunterricht sehe ich zwei Dinge, die sich fundamental vom Unterricht in der Schule unterscheiden: Erstens wird der Unterricht in aller Regel freiwillig besucht und kann auch freiwillig beendet werden, wenn ein junger Mensch nicht mehr lernen möchte. Zweitens ist der Kompetenzzuwachs in der Musik viel schwerer messbar als beispielsweise in Mathe oder in einer Fremdsprache.
Die Freiwilligkeit des Lernens bedingt, dass ein Feedback viel stärker motivierenden Charakter braucht als im Schulunterricht. Wenn dort jemand dauerhaft nicht lernt, gibt es eben dauerhaft schlechte Noten in Prüfungen – vulgo ein Feedback in Form einer Schulnote –, was rückmeldet: „Läuft so nicht bei dir!“
Daher ist es in der Musik wichtig, jemandem immer wieder Wind in die Segel zu pusten, um ihn auf seinem Weg voranzubringen, ihn mit passenden Zielen und Herausforderungen zu konfrontieren, die ihn motivieren und dazu anregen, diesen Weg weiterzugehen. Mit der Musik lehren wir ein höchst anspruchsvolles Handwerk, das gleichzeitig eine Kunst ist. Und oft haben wir nur eine Unterrichtsstunde von 30 bis 45 Minuten pro Woche.
Daher sind wir in der Musik noch viel stärker darauf angewiesen, die Selbstmotivation zu stärken als vielleicht im Schulkontext, wo Lernen Pflicht ist und die Lehrkraft viel mehr Hebel zur extrinsischen Motivation in der Hand hält. Wenn ich im Musikschulunterricht, bei Wettbewerben oder Musikprüfungen gute Feedbacks gebe, tragen diese Worte oft ein Leben lang. In unseren Fortbildungen, die gerade für die Musiklehrkräfte Südtirols laufen, wurden einige solcher wirklich prägenden Sätze aus der Kindheit genannt – Sätze, an die sich Menschen oft noch nach Jahren erinnern.
Und zweitens?
Die schwere Messbarkeit des Musikunterrichts ist der zweite Punkt, der ein Feedback so wichtig macht. Denn in der Rolle des Lernenden in der Musik nimmt man manchmal die zurückgelegte Meile auf dem Meer gar nicht so stark wahr. Man spürt den Kompetenzzuwachs, den Fortschritt manchmal nicht.
Da hilft es, von außen auf diese Fortschritte hingewiesen zu werden, um jemanden auf diesem Weg zu bestärken – und eben auch, ein Parameter, was noch weniger gut entwickelt ist, ein wenig ins Rampenlicht zu stellen und zu sagen, dass das eigene Musizieren noch stark gewinnen könnte, wenn diese oder jene Fähigkeit ausgebaut würde.
So etwas wäre schlichter Unsinn, wenn man es nur mit einer Zahl, einer Schulnote abbilden wollte. Beispiel: „Im Parameter Klang hast du nur ein Ausreichend bekommen.“ Was soll ein junger Mensch damit anfangen? Man muss mit einem Feedback begründen, was an dem Klang schon so gut ist, dass es erhalten bleiben muss, und was aber auch entwickelt werden kann – und vor allem, wie das gehen soll.
Viele junge Musikerinnen und Musiker sind sehr sensibel für Rückmeldungen. Wie kann Feedback im Instrumentalunterricht motivieren, ohne zu verunsichern?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und genau deshalb ist es im Instrumentalunterricht so wichtig, zwei Dinge klar zu trennen: den Menschen und seine Leistung. Der junge Mensch verdient unsere Wertschätzung unabhängig davon, wie gut er spielt, denn jeder Mensch hat das Recht darauf, sich mit Musik und Kunst auszudrücken.
Wir Musiklehrkräfte sind dazu da, ihm zu helfen. Erst wenn diese bedingungslose Anerkennung für unser Gegenüber spürbar ist, entsteht Sicherheit. Und aus Sicherheit kann Lernbereitschaft wachsen. Für Menschen, die an uns glauben, gehen wir durchs Feuer.
Wenn Leistung dann nicht mehr mit dem eigenen Wert verwechselt wird, kann man sie offen betrachten, verändern, verbessern. Feedback richtet sich dann nicht auf dich, sondern auf das, was du gerade tust.
Manchmal ist es gar nicht das Dauerlob der Eltern, über das sich Kinder freuen, sondern etwas, das sie spüren. Ein offenes Ohr der Eltern, ein bewundernder Blick, ein Lächeln.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Motivation im Musikunterricht: Welche Formen von Feedback wirken dort nachweislich stärkend?
Ich bin ein großer Fan des Feedforward – also den Blick nicht auf das zu richten, was war, sondern auf das, was sein könnte: eine zukunftsgerichtete, sehr konkrete, handlungsnahe Rückmeldung.
Auch finde ich es unglaublich hilfreich, die Stärken zu stärken und daran erst einmal auszubauen, statt immer an den Schwächen zu arbeiten. Im Musikunterricht ist es dann sogar oft so: Wenn man erst einmal die Stärken stärkt und ein zunächst bestehendes Problem zurückstellt, muss man dieses Problem später mit der Lupe suchen – es ist längst verschwunden.
Ab wann kippt Feedback von hilfreich zu hemmend – gerade bei Kindern und Jugendlichen?
Schwierig finde ich Feedback immer dann, wenn man als unveränderlich wahrgenommene Dinge lobt. Beispiel: „Du hast einfach ein wahnsinniges musikalisches Talent!“ Das könnte dazu bewegen, etwas weniger zu üben, weil … wir haben es ja schon, das Talent. Oder auch, wenn eine Sache stark hervorgehoben wird, die wir selbst aber gar nicht so stark empfinden. Wir bekommen dann Angst, dass jemand bei uns bemerkt, wir könnten doch weniger begabt oder talentiert sein als angenommen.
Abgesehen vom guten Feedback: Wie können Eltern ihre Kinder motivieren, dass sie daheim üben? Und was sollen Eltern tun, wenn Kinder einmal keine Lust haben zu üben?
Bitte nicht vergessen: Manchmal ist es gar nicht das Dauerlob der Eltern, über das sich Kinder freuen, sondern etwas, das sie spüren. Ein offenes Ohr der Eltern, ein bewundernder Blick, ein Lächeln.
Hilfreich ist es, wenn sich von Beginn des Instrumentalunterrichts an eine Übe-Routine entwickelt. Man könnte es auch „Musizierzeit“ nennen statt „Üben“ oder „Hausaufgaben machen“ – so ist es offener formuliert und junge Menschen können entdecken, welche Schönheit darin liegen kann, Zeit mit sich selbst am Instrument zu verbringen.
Motivationstiefs gibt es bei praktisch jedem Kind einmal – und das darf es auch geben. Wenn Eltern eingreifen möchten, kann man auf Absprachen gepaart mit Verständnis setzen:
„Ich sehe, dass du gerade nicht die größte Lust hast zu üben, aber wenn du dich jetzt trotzdem überwindest, wirst du den nächsten Schritt schaffen …“
Auch lohnt es sich, den Gründen der Demotivation auf die Spur zu kommen – oft zeigt sich, dass Kinder überlastet sind oder ganz andere Sorgen haben. Wer die schnelle Lösung sucht, könnte verhandeln: „Deine Übezeit wird die doppelte Gamezeit.“ Schwierig wird es allerdings, wenn ein Kind plötzlich drei Stunden am Klavier sitzt.
Manche Kinder lassen sich sogar anspornen, wenn Eltern eine Kontrahaltung einnehmen. Das hat bei mir selbst gut funktioniert: „Was, du willst schon wieder üben?“ – und schon habe ich begründet, warum Üben wichtig ist. Überzeugt habe ich damit nicht meine Eltern, sondern mich selbst.
Mir ist wichtig, immer zu betonen, was bereits gut gelingt und unbedingt erhalten werden sollte.
Wenn wir den Blick weiten: Was gilt beim Feedback an junge Menschen ganz allgemein, unabhängig vom Fach?
Mit einem Feedback haben wir die Chance, einem jungen Menschen Wind in die Segel zu pusten, ihm Wertschätzung zu zeigen und Hinweise auf nächste Schritte zu geben.
Aus der Forschung ist bekannt: Feedback wird dann zum Feedforward, wenn es zukunftsgerichtet ist. Mir ist wichtig, immer zu betonen, was bereits gut gelingt und unbedingt erhalten werden sollte.
Ein Feedback sollte nicht nur sagen, wo Entwicklungspotenzial liegt, sondern auch, welche besonderen Fähigkeiten zu echten Superkräften ausgebaut werden können.
Welche Grundprinzipien guten Feedbacks lassen sich vom Musikunterricht auf Schule insgesamt übertragen?
Genauso wenig, wie es den Musikunterricht gibt, gibt es „die Schule“. Entscheidend ist weniger das Fach als die pädagogische Haltung. Gelingendes Feedback findet man überall dort, wo Lernende als Personen ernst genommen und Leistungen als entwickelbar verstanden werden.
Wie können Lehrkräfte Kritik äußern, ohne die Beziehung zu beschädigen?
Kritik beschädigt die Beziehung vor allem dann, wenn sie als unfair empfundene Bewertung der eigenen Person erlebt wird. Feinheiten in der Formulierung sind hier wertvoll:
„Auf mich wirkt deine Handlung so. Wolltest du das ausdrücken?“
Gerade in der Musik sind viele Probleme Wahrnehmungsprobleme. Dann ziehe ich Konsequenzen in der Unterrichtspraxis und stärke die Hör- und Wahrnehmungsfähigkeit – oft kann man sich jede Kritik sparen.
anche Kinder werden regelrechte Feedback-Junkies, wenn sie merken, wie hilfreich es ist.
Was brauchen Schülerinnen und Schüler besonders dann, wenn sie Fehler machen oder scheitern?
Bitte nichts schönreden, was nicht schön war – das wirkt unglaubwürdig. Ich erzähle oft kleine Geschichten über eigenes Scheitern. Wer lernt mehr: jemand, der alles perfekt macht, oder jemand, der weiß, wo seine nächsten Schritte liegen? Ein Moment des Scheiterns zeigt: Genau hier hast du ein Thema. Nimm die Challenge an.
Viele Kinder verlieren im Laufe der Schulzeit ihre Motivation. Welche Rolle spielt Feedback dabei?
Ein Feedback ist eine Fremdbewertung, mit der man umgehen lernen muss. Manche Kinder werden regelrechte Feedback-Junkies, wenn sie merken, wie hilfreich es ist. Wichtig bleibt: Leistung und Persönlichkeit trennen, Stärken stärken, Potenziale wertschätzend ansprechen.
Welchen zentralen Rat würden Sie Lehrkräften geben, die junge Menschen wirklich stärken wollen?
Suche die Verbindung zum jungen Menschen und zeig ihm, dass du etwas Besonderes in ihm siehst. Ein gutes Feedback bietet Orientierung im Lernprozess und macht Lust auf Herausforderungen. Die Lehrkraft als Fehlersuchmaschine hat im Jahr 2026 ausgedient.




