InSightOut: Pädagogischer Studientag eröffnet neue Perspektiven auf Lernen und Lehren

Wie entstehen lebendige Lernräume, die Kinder zum Entdecken anregen? Wie können Kindergarten und Grundschule Wohlbefinden stärken und Potenzialentfaltung unterstützen? Beim pädagogischen Studientag „InSightOut“ an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen standen genau diese Fragen im Mittelpunkt – mit Impulsen aus Forschung, Praxis und innovativen Workshopformaten.
Am Pädagogischen Studientag an der Fakultät für Bildungswissenschaften betonte Professorin Monica Guerra in ihrem Hauptvortrag die zentrale Rolle pädagogischer Fachkräfte, Neugierde, Kreativität und Wissbegierde von Kindern – Fähigkeiten, mit denen sie bereits von Geburt an ausgestattet sind – wachzuhalten und zu fördern. Dabei machte sie deutlich, wie wichtig anregende Lernumgebungen in und rund um Kindergärten und Schulen sind. Solche Orte können zu facettenreichen, nachhaltigen und partizipativen Lernräumen werden, die zum Entdecken einladen und neue Fragen entstehen lassen. So kann etwa die Beobachtung eines Blattes mit ungewöhnlicher Oberfläche am Baum zum Ausgangspunkt gemeinsamer Erkundungen werden, entlang unterschiedlicher Fragen.
Wie aufmerksam Kinder ihre Umgebung wahrnehmen, welchen Wert und welche Wichtigkeit sie Dingen und Orten zuschreiben, zeigte ihr Beispiel aus dem Projekt MUSA – Multilayered Urban Sustainability Action. Darin äußerte ein Kind die Sorge, ein Stein aus dem „Museum der kleinen Dinge“, das es mit anderen Kindern am Zaun zwischen Kindergarten und Grundschule erstellt hatte, könnte verschwinden. Mit solchen Beispielen eröffnete Frau Guerra einen eindrucksvollen Einblick in die Art und Weise, wie Kinder Bedeutungen generieren und wie sie zum Ausdruck bringen, was für sie bedeutsam ist.
Praxisnah und vielfältig: Einblicke in aktuelle Forschung
Auch die vielfältigen Workshops der Kolleginnen und Kollegen des Clusters „IN-IN: INovative und INklusive Erziehung und Bildung“, aus deren Zusammenarbeit der Studientag hervorging, boten Einblicke in die aktuellen Forschungsschwerpunkte der an der Universität tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In praxisorientiert gestalteten Formaten konnten Teilnehmende neue Überlegungen kennenlernen, Methoden erproben und Anregungen für ihre eigene pädagogische Arbeit sammeln. Ziel war es dabei nicht nur, neue Perspektiven zu eröffnen, sondern auch dazu einzuladen, Fragen zu stellen, gemeinsam Potenziale zu entdecken und Impulse auszutauschen, wie das Wohlbefinden aller Beteiligten in Schule und Kindergarten nachhaltig gestärkt werden kann. Die Bandbreite der Workshops spiegelte die Vielfalt aktueller pädagogischer Zugänge wider.
Beispielsweise konnten Teilnehmende im Workshop „La progettazione e realizzazione di escape room tra virtuale e realtà“ selbst in eine Escape-Room-Lernsituation eintauchen. Ausgehend von einer Entdeckungstour durch Brixen wurde gezeigt, wie sich fachliches Wissen mit realen Orten verbinden lässt. Die Workshopleiterin empfahl den Lehrpersonen für die Konzeption gamifizierter Lernsettings den Dreischritt „klare Lernziele definieren, spannende Narrative entwerfen und unterschiedliche Rätselformate benutzen“.
Im Mittelpunkt des Workshops „Progettare spazi vivi tra pedagogia, architettura e design in connessione con la natura“ stand die Gestaltung von Lernumgebungen. Ziel war es, den Teilnehmenden anhand pädagogischer Argumente die Relevanz hochwertig gestalteter Lernräume für Bildungsprozesse zu verdeutlichen. Pflanzen fungieren dabei nicht nur als Gestaltungselemente, die durch natürliche Kontraste, verbesserte Luftqualität und eine beruhigende Atmosphäre zur Aufwertung von Räumen beitragen. Sie können zudem als Gegenstand der Raumwahrnehmung genutzt werden und bieten einen Anlass zur gemeinsamen Reflexion über Nachhaltigkeit. Durch die von Studierenden entwickelten Lernspiele erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit, neue Perspektiven auf Pflanzen einzunehmen. Sie konnten den Perspektivwechsel – weg von einer rein anthropogenen und botanischen Sichtweise hin zu einem ganzheitlich physiologischen Ansatz – vollziehen.
Lernen aus der Lebenswelt der Kinder
Kinder sammeln gerne kleine Dinge, und ihre Hosentaschen werden dabei schnell zu Schatzkammern ihrer Lebenswelten. Im Workshop „Da dove viene questa pietruzza?“ – „Was hat dieser kleine Stein erlebt?“ – wurden kleine gefundene Dinge zum Ausgangspunkt großer Fragen und offener, inklusiver und kindzentrierter Lernangebote. Eine Ausstellung und Impulse zu Praktiken des Sammelns von Kindern, den eigenen Sammelleidenschaften der Teilnehmenden und originalen Fundstücken als fragenanregende Phänomene waren Ausgangspunkt, gemeinsam didaktische Arrangements zum entdeckenden Lernen im eigenen Praxisfeld zu entwickeln.
Im Workshop „Anders und Anderes sehen mit phänomenologischen Vignetten“ erfuhren die Teilnehmenden, wie gewinnbringend die leibliche Wahrnehmung (also beim Hinschauen auch mitzufühlen) sein kann und wie anregend es ist, darüber ins Gespräch zu kommen. Als erzählerische Momentaufnahmen notiert (Vignetten), dienen sie als Ausgangspunkt, um gemeinsam unterschiedliche Perspektiven und Deutungen zu einzelnen pädagogischen Situationen zu entwickeln und so die Vielschichtigkeit pädagogischer Erfahrungen sichtbar zu machen. Eine Teilnehmende zog daraus den Schluss, ihrem pädagogischen Alltag achtsamer dafür zu sein, was ein Kind über das Gesagte hinaus zum Ausdruck bringt.
Die EduSpace Lernwerkstatt erwies sich im Workshop zum ActiveFloor als echte didaktische Schatzkiste für inklusive Lernsituationen. Der Workshop begann mit einer Erkundung der interaktiven Spielfläche. Anschließend diskutierten die Teilnehmenden, wie das Spielformat weiterentwickelt werden kann; zum Beispiel rund um die Aufgabe, 15 Bildsymbole zum Händewaschen in die richtige Reihenfolge zu bringen – eine Kombination aus Bewegung und logischem Denken. „Kann man nicht die Symbole durch Fotos ersetzen?“ fragte eine Teilnehmende, während ihre Kollegin ergänzte: „Und die Anzahl der Karten sollte man schrittweise von fünf auf maximal zwölf erhöhen!“ Bei der gemeinsamen kritischen Reflexion ausgewählter Spiele wurde überdies deutlich, dass als kritisch eingestufte Materialien nicht aussortiert werden müssen, sondern mit Kindern dialogisch weiterentwickelt werden können.

In weiteren Workshops wurde Einblick in die inklusive Arbeit mit Kinderliteratur und das Philosophieren mit Kindern zur Entwicklung eines kritischen, kreativen und fürsorglichen Denkens geboten. Darüber hinaus wurden Stereotype und Vorurteile in pädagogischen Handlungsräumen thematisiert und es wurde erörtert, wie man sie erkennt und entkräftet. Insgesamt ließen die in deutscher und italienischer Sprache geführten Workshops erfahren, wie vielfältig die Wege sein können, Lernen zu gestalten: spielerisch, forschend, reflektierend, inklusiv und im Dialog mit der Umwelt.
Austausch, Reflexion und konkrete Impulse
Beim pädagogischen Mittagessen – dem „Markt der Möglichkeiten“ – präsentierten Kindergärten und Schulen sowie Kolleginnen aus dem Haus in informeller Atmosphäre Best-Practice-Beispiele und luden zum Austausch über gelingende pädagogische Ansätze ein. Ausgestellt wurden auch Spiele zum Thema Intersektionalität, die von Studierenden entwickelt worden waren. Ein interaktives Gruppen-Brettspiel mit Rollen- und Ereigniskarten machte beispielsweise erfahrbar, wie unterschiedliche soziale Merkmale und Lebenslagen den Weg erschweren – hier veranschaulicht auf einer „Reise nach Wien“. Das Format des pädagogischen Mittagessens bot darüber hinaus ausreichend Zeit, zu schnuppern und netzwerken.
Den Abschluss bildete ein runder Tisch: Bernadette Grießmair, Vanessa Macchia, Roswitha Raifer, Simon Stedile und Heinrich Videsott teilten ihre Erfahrungen im Umgang mit herausforderndem Verhalten. „Auf die positiven Verhaltensweisen fokussieren und in solchen Augenblicken mit Zuwendung in die Beziehung investieren“ oder „Sich daran erinnern, dass ein Kind ein Verhalten zeigt, um sich selbst zu helfen und nicht primär gegen andere zu agieren“ waren hilfreiche Anregungen. Zum Nachdenklich werden lud außerdem dieser Vergleich ein: „Rahmen werden passend zu Bildern gefertigt, Kindern gestehen wir das nicht zu, sie müssen in die Rahmen passen, die Erwachsene bestimmt haben. Einig waren sich alle: Das Kind eindeutig zu stoppen ist nötig, sollte es sich selbst oder andere gefährden. Und manchmal hilft es, sich mit dem Kind auf unerwartete Weise einzulassen, indem wir mit ihm das ‚Verrückte‘ tun, eine Sprache, mit der es nicht rechnet, sodass es sich wieder auf uns einlassen kann.





