Schule neu denken: Einblicke aus St. Gallen und Romanshorn

Zwei Tage voller Impulse, Perspektivenwechsel und intensiver Auseinandersetzung mit der Zukunft von Schule erlebten Mitglieder des Schulverbunds Pustertal, der Deutschen Bildungsdirektion und des pädagogischen Beratungszentrums Bruneck der Pädagogischen Abteilung im Rahmen einer Bildungsreise am 26. und 27. Februar 2026.
Neue Stadtschulen in St. Gallen
Der erste Tag begann mit einem dicht gestalteten Programm an den Neuen Stadtschulen in St. Gallen. Den Auftakt bildete ein Vortrag von Geschäftsleiter der Schule Sacha Meyer, der auf die im Vorfeld eingereichten Themen einging und im Auditorium Raum für Austausch und Diskussion eröffnete. Im Anschluss erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit, die Lernräume der Oberstufe individuell zu besichtigen und Einblicke in laufende Praxisprojekte zu gewinnen.
Weitere Fachinputs folgten: Karin Gander Lernhausleiterin der Oberstufe, stellte das Konzept der Oberstufe vor, Claudia Frick, Lernhausleiterin der Mittelstufe, gab Einblicke in die Mittelstufe, und Claudia Werle, Lernhausleiterin des Gymnasiums, präsentierte das Gymnasium im CoLearning-Space. Ergänzt wurden die Vorträge durch eigenständige Rundgänge durch die jeweiligen Lernumgebungen – ein zentrales Element, um das pädagogische Konzept unmittelbar zu erleben.
Im Zentrum der Neuen Stadtschulen steht ein radikal neu gedachtes Verständnis von Lernen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 verfolgen die Initiatoren das Ziel, Schule als Ort der Individualität, des Vertrauens und des Unternehmergeistes zu gestalten. Drei Säulen tragen dieses Konzept: die Nutzung der Stadt als Lernraum, die Förderung von Eigeninitiative sowie die Einbindung externer Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Ergänzt wird dies durch bewusst gestaltete Lernräume, die als „dritter Pädagoge“ wirken.
Die Eindrücke der Teilnehmenden vor Ort, bestätigten die Wirkung dieses Ansatzes. „Die Organisationsstruktur stellt eine bestmögliche Form für inklusive Schule und Individualisierung dar“, betonte die Schulführungskraft des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums und Kunstgymnasiums Bruneck Isolde Künig. Besonders hervorgehoben wurde auch die konsequente Ausrichtung auf die Gesundheit aller Beteiligten.
Der zweite Tag begann mit einem gemeinsamen Rückblick in der Cafeteria, bevor die Gruppe in drei Stationen den Alltag von Mittelstufe, Oberstufe und Gymnasium hautnah erlebte. Der direkte Kontakt mit Lernpartnerinnen und Lernpartnern hinterließ bleibende Eindrücke. „Die Reflexionsfähigkeit eines Maturanten hat mich tief beeindruckt“, berichtete Schulinspektorin Monika Ploner. „Hier wird Lernen sichtbar gelebt.“
Ein besonderer Moment war das „laute Nachdenken“, ein Vortrag von Peter Fratton, einer der rennomiertesten Schulgründer und Schulinnovatoren Europas, über die Herausforderungen der Schulentwicklung. Seine Haltung, Schule als Ort des Ermöglichens zu begreifen, zog sich wie ein roter Faden durch die Reise. Authentizität und ein konsequent stärkenorientierter Blick auf junge Menschen wurden von vielen Teilnehmenden als prägend erlebt.

Talenticum in Romanshorn
Den Abschluss bildete die Weiterreise nach Romanshorn zum Talenticum – einem außerschulischen Lernort, der kreative Entfaltung und eigenständiges Arbeiten in den Mittelpunkt stellt. In offenen Werkstätten und einfachen, inspirierenden Räumen wurde Lernen als aktiver, selbstbestimmter Prozess erfahrbar.
Architekt Felix Perasso beschreibt seinen Eindruck eindrücklich: Das Talenticum sei „ein Ort, an dem der Alltag zurückgelassen werden kann, um sich einer Sache vollkommen hinzugeben“. Die Atmosphäre sei geprägt von Konzentration, Leidenschaft und einer spürbaren Verbindung zwischen den Menschen vor Ort. Junge Menschen arbeiten dort an eigenen Projekten, entwickeln Lösungen und wachsen an Herausforderungen.
Auch aus pädagogischer Perspektive wurde das Talenticum als wertvolle Ergänzung wahrgenommen. Schulführungskraft Isolde Künig meinte dazu: „Hier kommen Kinder und Jugendliche auf sinnstiftende Weise ins Tun“. Die Verbindung von autonomem Lernen, individueller Begleitung und praktischer Umsetzung wurde von vielen als richtungsweisend beschrieben.
Erkenntnisse der Bildungsreise
Zentrale Erkenntnisse der Bildungsreise lassen sich in mehreren Punkten bündeln:
Die Bedeutung gelebter Haltungen als Fundament jeder Schulentwicklung wurde mehrfach betont.
„Werte allein reichen nicht – sie müssen im Alltag sichtbar werden“, hielt Schulinspektor Christian Walcher fest. Ebenso wurde deutlich, dass nachhaltige Veränderung nicht durch punktuelle Optimierung, sondern durch einen echten Paradigmenwechsel gelingt.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Beziehungskultur. Vertrauen, Wertschätzung und echtes Interesse an den Lernenden wurden als Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen hervorgehoben. „Eine Schule, in der niemand übersehen wird, braucht Strukturen, die Nähe ermöglichen“, so Direktorin am Berufsbildungszentrum Bruneck Edith Hochgruber.
Auch das autonome Lernen stand im Fokus: Lernen gelingt dann besonders nachhaltig, wenn junge Menschen Verantwortung übernehmen, in ihrem Tempo arbeiten und professionell begleitet werden. Coaching wurde dabei nicht als Zusatz, sondern als tragendes Element verstanden.
Nicht zuletzt spielte die Gestaltung von Lernumgebungen eine zentrale Rolle. Räume, Strukturen und Organisation beeinflussen Lernen maßgeblich – sie können es ermöglichen oder behindern. In Anlehnung an bekannte Kommunikationsprinzipien wurde mehrfach formuliert: „Man kann nicht nicht lernen.“ Die Bildungsreise wirkte jedoch nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Schon die gemeinsame Busfahrt wurde von vielen als Beginn eines intensiven Austauschs erlebt. Unterschiedliche Perspektiven, offene Gespräche und das gemeinsame Nachdenken über Schule schufen eine besondere Dynamik. „Vielfalt ist ein Mehrwert – für alle Beteiligten“, resümierte der pädagogische Koordinator des Burger Hofes (Bergbauernhof und außerschulischer Lernort in Prags) Alex Unteregger.
Im Ausblick wurde deutlich, dass die gewonnenen Impulse nun in die eigene Praxis übertragen werden sollen. Themen wie personalisiertes Lernen, neue Lernorte, intensivere Begleitung und mutige strukturelle Veränderungen stehen dabei im Raum. Gleichzeitig bleibt die zentrale Frage: Was hindert uns daran, bereits vorhandenes Wissen über gutes Lernen konsequent umzusetzen?
Die Bildungsreise hat gezeigt: Schule kann anders gedacht und gestaltet werden – wenn der Mut vorhanden ist, neue Wege zu gehen.




