Maturaprojekt am Vinzentinum Brixen
Wenn ein Experiment außer Kontrolle gerät: „Die Welle“ am Vinzentinum

Die Maturaklasse des Vinzentinums in Brixen bringt heuer das Theaterstück „Die Welle“ auf die Bühne. Im Interview erzählen Valentina Maria Nardelli, Victoria Vay und Moritz Niederrutzner, warum sie sich für das gesellschaftskritische Stück entschieden haben – und was sie dabei über Gruppendruck, Verantwortung und ihre Klassengemeinschaft gelernt haben.
Am Vinzentinum in Brixen gehört es zur Tradition, dass die Maturaklasse jedes Jahr ein Theaterstück auf die Bühne bringt. Auch heuer arbeiten die Schülerinnen und Schüler seit Monaten an ihrer Inszenierung. Die Wahl fiel diesmal auf „Die Welle“, eine Geschichte über Gruppendruck, Macht und Ausgrenzung.
Das Stück basiert auf einem bekannten Stoff, der durch einen erfolgreichen Roman und eine Verfilmung breite Bekanntheit erlangt hat und bis heute in vielen Schulen behandelt wird. Ein Lehrer startet in einer Schulklasse ein Experiment, um zu zeigen, wie leicht autoritäre Systeme entstehen können. Durch einfache Regeln wie Disziplin, Gemeinschaftssymbole und ein starkes Wir-Gefühl entwickelt sich schnell eine Bewegung, die immer mehr Schülerinnen und Schüler begeistert. Doch das Experiment gerät außer Kontrolle: Aus Zusammenhalt wird Ausgrenzung und blinder Gehorsam. Das Stück ist noch am 12., 14. und 15. März am Vinzentinum zu sehen.
Im Gespräch mit INFO erzählen Valentina, Victoria und Moritz aus der Maturaklasse, wie die Entscheidung für das Stück gefallen ist, was sie beim Spielen über Gruppendruck gelernt haben – und warum die Geschichte ihrer Meinung nach heute aktueller denn je ist.
INFO: Ihr habt „Die Welle“ selbst als Matura-Projekt ausgewählt. Warum gerade dieses Stück?
Moritz: Angefangen hat das schon am Ende des letzten Schuljahres. Unser Regisseur Gerd Weigel hat uns fünf Stücke vorgeschlagen, die wir über den Sommer gelesen haben. Wir wollten ursprünglich eigentlich kein gesellschaftskritisches Stück, sondern eher eine Komödie – etwas, das einfach unterhält. Am Ende konnten wir uns aber auf keines dieser Stücke einigen. Nach dem Sommer haben wir selbst weitergesucht und sind relativ schnell auf „Die Welle“ gestoßen. Die Mehrheit der Klasse war sofort begeistert. Dann haben wir im neuen Schuljahr ziemlich schnell mit den Proben begonnen.
Wann ist euch klar geworden, dass „Die Welle“ gut zu eurer Klasse und zu eurer Zeit passt?
Valentina: Am Anfang wollten wir unbedingt etwas Lustiges machen, weil wir dachten, das spricht das Publikum mehr an. Beim Lesen der Stücke ist uns aber aufgefallen, dass Humor sehr unterschiedlich ist und nicht alle gleich anspricht. Dann haben wir auch mit der letztjährigen Maturaklasse gesprochen, welche Stücke bei ihnen vorgeschlagen worden waren. Dabei ist auch „Die Welle“ erwähnt worden. Unser Regisseur meinte, er habe dieses Stück schon öfter auf die Bühne bringen wollen, aber bisher habe sich keine Schulklasse dafür entschieden.
Als wir dann das Skript gelesen haben, hat es uns eigentlich sofort gefallen. Und langsam hat sich in der Klasse die Meinung gebildet, dass es vielleicht doch sinnvoll ist, ein ernstes Stück zu spielen – auch weil wir damit eine Botschaft vermitteln und die Leute zum Nachdenken anregen können.

Habt ihr das Buch oder den Film vorher schon gekannt?
Victoria: Valentina und ich haben das Buch schon als Klassenlektüre in der Mittelschule am Vinzentinum gelesen. Ich habe später auch den Film gesehen. Das Thema kommt in Schulen häufig vor – viele Klassen lesen das Buch oder schauen den Film im Unterricht. Deshalb kommt das Stück auch bei Mittelschulklassen gut an. Für manche ist unsere Aufführung sozusagen ein Abschluss dieses Themas.
Moritz: Ich war zwar nicht hier am Vinzentinum in der Mittelschule, aber auch bei uns wurde das Thema damals ausführlich behandelt. Spätestens als wir uns gemeinsam den Film angeschaut haben, waren alle überzeugt.
Eigentlich wolltet ihr kein gesellschaftskritisches Stück. Was hat euch am Ende doch überzeugt?
Valentina: Zum einen natürlich, dass das Thema sehr aktuell ist, das sehen wir beispielsweise seit einiger Zeit in Deutschland. Wir haben in der Klasse viel darüber diskutiert. Dabei sind auch politische Meinungen in die Gespräche eingeflossen, und wir haben gemerkt, wie unterschiedlich die Ansichten sein können – selbst in einer kleinen Gruppe wie unserer Klasse.
Da wurde uns klar, dass man dieses Thema auch auf die Gesellschaft übertragen kann. Ich glaube, es ist wichtig, darüber zu sprechen und nicht einfach zu schweigen. Junge Leute sollten darüber Bescheid wissen und sich eine eigene Meinung bilden können.
Im Stück geht es darum, wie schnell Menschen Teil eines Systems werden können. Was hat euch daran besonders interessiert?
Victoria: Mich hat besonders interessiert, wie aus einem einfachen Experiment in einer normalen Klasse etwas so Großes entstehen kann. Alle fühlen sich plötzlich als Teil einer Gemeinschaft – und gleichzeitig werden diejenigen ausgeschlossen, die nicht mitmachen wollen.

Welche Rolle spielt ihr selbst im Stück?
Moritz: Ich spiele Marco. In meiner Rolle erlebt man die Veränderung durch die Welle sehr stark. Marco lässt sich von der Gemeinschaft mitreißen und hinterfragt das Ganze kaum. Seine Freundin Karo ist dagegen viel kritischer. Dadurch entstehen Konflikte, und erst am Ende wird Marco klar, wie sehr ihn die Welle eigentlich verändert hat.
Du hast gesagt, deine Rolle ist ziemlich anders als du selbst. Wie war es, so jemanden zu spielen?
Moritz: Es ist sehr interessant, einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen und das aktiv mitzuerleben. Dadurch versteht man vielleicht besser, wie so etwas passieren kann – und wie leicht Menschen in so eine Dynamik hineingeraten.
Und du, Valentina – welche Rolle spielst du?
Valentina: Ich spiele Lisa. Sie ist die beste Freundin von Karo, verliebt sich aber gleichzeitig in deren Freund. Dadurch entstehen Konflikte. Lisa ist eher schüchtern und findet in der Welle plötzlich einen Platz, wo sie Anerkennung bekommt. Deshalb lässt sie sich relativ schnell davon begeistern. Erst ganz am Ende merkt sie, wie weit das Ganze gegangen ist.
War es schwierig, diese Rolle zu spielen?
Valentina: Am Anfang schon. Wir konnten viele Szenen zuerst nicht richtig ernst nehmen, weil das Thema sehr schwer ist. Dramatische Szenen umzusetzen war nicht einfach. Aber sobald jeder wirklich versucht hat, sich in seine Rolle hineinzuversetzen, wurde es leichter. Dann bekommt man beim Spielen sogar selbst Gänsehaut.
Und welche Rolle hast du, Victoria?
Victoria: Ich spiele Rebecca. Sie ist Teil einer Clique, die am Anfang den Außenseiter Tim mobbt. Zuerst ist sie nicht besonders begeistert von der Welle, weil ihre Clique ebenfalls dagegen ist. Später lässt sie sich aber doch mitziehen und wird Teil der Bewegung. Dabei merkt man, wie leicht man sich beeinflussen lässt und wie wichtig es ist, eine eigene Meinung zu haben.
Gab es während der Proben Momente, in denen euch bewusst wurde, wie schnell Gruppendruck entstehen kann?
Moritz: Ja, besonders am Anfang des Stückes. Da gibt es Figuren, die das Experiment kritisch sehen. Aber die Klasse reagiert sofort mit Druck: „Stell dich nicht so an, das ist doch nur ein Experiment.“ Am Ende werden sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder sind gezwungen, selbst die Gruppe zu verlassen. Da merkt man, wie schnell Gruppendruck entstehen kann.

Gibt es eine Szene, die euch besonders berührt hat?
Valentina: Mich auf jeden Fall die letzte Szene. Dort erreicht das Experiment seinen Höhepunkt: Die Mitglieder der „Welle“ steigern sich immer weiter in ihre Rolle hinein, bis der Lehrer das Experiment auflöst und der Klasse zeigt, wie schnell sie Teil einer autoritären Bewegung geworden sind. Da wird zuerst viel geschrien und alles ist sehr laut. Und dann gibt es plötzlich keinen Text mehr – man sieht nur noch die Gesichter und hört Musik. Gerade diese Stille macht die Szene sehr eindrücklich. Auch vom Publikum haben wir gehört, dass sie diese Szene besonders bewegt.
Und euch beiden, Moritz und Victoria: Habt ihr auch eine Szene im Stück, die euch besonders berührt oder beschäftigt hat?
Victoria: Bei mir war es auch die letzte Szene, die mir am besten gefallen hat. Da stehen noch einmal alle Figuren auf der Bühne, auch diejenigen, die nicht Teil der Welle sind. Wenn wir als Wellenmitglieder auf die Bühne kommen, schauen wir die anderen böse an – und man sieht sofort diese Ausgrenzung.
Dann hält der Lehrer seine Rede, und in diesem Moment wird allen klar, was eigentlich passiert ist und warum er das Experiment abbrechen muss. Ich finde, das ist eine sehr eindrückliche Szene.
Moritz: Mir gefällt besonders die Basketballszene. Dort wird die Gemeinschaft der Welle sehr deutlich. Die Wellenmitglieder stehen hinter den Spielern, feuern sie an und treiben die Situation immer weiter an. Das Spiel eskaliert schließlich, zwei Spieler – darunter auch meine Figur – geraten in eine Prügelei, und der Lehrer muss eingreifen und die Situation retten.
Danach folgen zwei weitere wichtige Szenen: zuerst ein Streit zwischen dem Lehrer und seiner Frau, die erkennt, dass das Experiment außer Kontrolle gerät und ihn dringend auffordert, es abzubrechen. Danach folgt ein Streit zwischen meiner Figur und seiner Freundin, die ebenfalls merkt, dass die Welle gefährlich geworden ist. Ich selbst sehe das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein, bis der Konflikt schließlich eskaliert. In der Schlussszene läuft dann alles zusammen. Der Lehrer heizt die Situation zunächst noch einmal an, die Wellenmitglieder steigern sich immer stärker hinein – bis er das Experiment plötzlich beendet und ihnen klar macht, was sie eigentlich getan haben.
Die Welle zeigt, wie schnell Menschen Autoritäten folgen und Teil einer Bewegung werden können. Seht ihr Parallelen zur Gegenwart?
Valentina: Ich glaube, dass heute vor allem Social Media eine große Rolle spielt. Dort wird viel Werbung für verschiedene Parteien gemacht. Je nachdem, in welcher Blase man unterwegs ist, sieht man oft nur eine Seite.
Ohne genügend Hintergrundwissen, ist es schwierig, das kritisch zu hinterfragen. Dann kann es schnell passieren, dass man sich von etwas überzeugen lässt, ohne die Hintergründe wirklich zu kennen. Ich glaube, das ist heute ein großes Problem: dass Informationen oft sehr einseitig sind und viele Menschen dann einfach die Meinung anderer übernehmen.
Moritz: Ja, Social Media versucht ständig herauszufinden, was uns interessiert, und zeigt uns dann genau diese Inhalte. Dadurch werden unsere eigenen Tendenzen oft noch verstärkt. Wir sehen immer mehr von dem, was wir ohnehin schon glauben oder mögen. Dadurch können sich Meinungen immer weiter voneinander entfernen, und viele driften stärker in extreme Positionen ab.
Glaubt ihr, dass so etwas wie die Welle heute auch im Kleinen möglich wäre?
Valentina: Wenn man das Thema Ausgrenzung anschaut, dann ist das schon sehr aktuell – auch in Schulklassen. Es gibt oft Personen, die andere von sich überzeugen können, und dann bilden sich schnell Gruppen. Man hört ja auch immer wieder von Mobbingfällen. Vielleicht endet das nicht so extrem wie im Stück, aber Ausgrenzung ist trotzdem ein großes Thema. Wenn eine dominante Person eine Gruppe beeinflusst, haben andere oft wenig Chancen, sich dagegenzustellen.
Was hat euch dieses Projekt persönlich gebracht?
Victoria: Ich glaube, es hat unsere Klasse noch stärker zusammengeschweißt. Wir hatten vorher schon eine gute Klassengemeinschaft, aber durch die vielen Proben kennen wir uns jetzt noch besser.
Wir hatten zum Beispiel auch eine ganze Probewoche in den Ferien, in der wir jeden Tag etwa acht Stunden zusammengearbeitet haben. Natürlich wird man dabei manchmal müde oder genervt, aber wir haben immer zusammengehalten und alles gut gemeistert. Auch organisatorisch hat jeder seine Aufgaben übernommen und Verantwortung getragen.
Wenn ihr zurückblickt: Würdet ihr das Stück wieder wählen?
Valentina: Ja, auf jeden Fall. Am Anfang hatten wir etwas Angst, dass ein ernstes Thema vielleicht weniger Publikum anzieht. Aber wir hatten sehr gute Besucherzahlen, was uns sehr gefreut hat. Ich glaube, das Stück hat sowohl für uns als Klasse als auch für das Publikum einen Mehrwert gehabt.
Gab es schon Rückmeldungen vom Publikum?
Victoria: Ja, wir haben sehr viel positives Feedback bekommen. Nicht nur zu unserer schauspielerischen Leistung, sondern auch zum Thema selbst. Viele haben gesagt, dass es wichtig ist, über solche Themen zu sprechen.
Valentina: Wir hatten anfangs auch ein bisschen Sorge, dass das Thema vielleicht zu heftig sein könnte – vor allem für Menschen, deren Familien etwa die Zeit der Südtiroler Option, des Zweiten Weltkriegs selbst erlebt haben. Aber gerade von ihnen kam oft die Rückmeldung, dass es wichtig ist, darüber zu reden und dass solche Themen nicht in Vergessenheit geraten dürfen.
Moritz: Wir haben wirklich sehr gute Rückmeldungen bekommen – sowohl zur Inszenierung und zur Dynamik des Stücks als auch dazu, wie wir das Thema umgesetzt haben. Besonders gefreut hat uns, dass nicht nur Theaterkenner positiv reagiert haben, sondern auch Menschen, die sonst kaum ins Theater gehen. Auch viele Gleichaltrige aus anderen Schulen waren da. Wir haben gehört, dass einige Lehrpersonen ihre Klassen sogar motiviert haben, sich das Stück anzuschauen. Dass unser Thema auch bei anderen Jugendlichen Interesse geweckt hat, hat uns als Klasse sehr gefreut.
Zum Abschluss: Wenn jemand eure Aufführung gesehen hat – was sollte danach hängen bleiben?
Victoria: Ich glaube, es sollte hängen bleiben, dass Gemeinschaft zwar wichtig ist, aber dass man Menschen mit anderen Meinungen nicht ausgrenzen darf. Man sollte versuchen, miteinander auszukommen und niemanden auszuschließen.




